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«Ich kann alles schaffen», sagte sich Carina Nill regelmässig.

«Ich kann alles schaffen» – Wenn ein Kampfgeist an seine Grenzen kommt

In Carina Nills Familie war das ein prägender Leitsatz, der sich für sie auch nicht änderte, als sie Christin wurde. Doch das Leben schrieb diesen Satz für sie neu.

Eigentlich bin ich ein grosser Fan von kindlichem Glauben. Ich bewundere das kindliche und doch vorbildhafte Gottesbild. Ich liebe es, «mich in Papas Arme zu stürzen». Vielleicht habe ich diesen kindlichen Glauben aber auch erst in den letzten zehn Jahren für mich entdeckt, weil ich als Kind noch nicht geglaubt habe. Ich habe erst als Jugendliche den christlichen Glauben kennen und lieben gelernt. Ich habe in diesem Prozess viele Fragen gestellt, bis ich mitten in meiner Suche Jesus fand. Diese Entscheidung war hart umkämpft und veränderte in meiner Teenie-Zeit so ziemlich alles: Freundeskreis, Aktivitäten und Verhalten.

Kämpfernatur

Ich musste mich oft rechtfertigen, erklären und durchbeissen. Niemand vor mir in meiner Familie wollte Jungschararbeit machen, in der Bibel lesen oder den Gottesdienst besuchen. Aber trotz meiner Veränderung lagen ja Muster meiner Familie in mir. Diese waren stark von Leistung und Anerkennung geprägt. Die Lebensstruktur hiess «Kämpfernatur» – gerade bei den Frauen. Ich bewundere bis heute, wie sich meine Uroma, Oma und auch meine Mutter durch Herausforderungen gekämpft haben, welche Krisen sie gemeistert haben. Jede für sich hat eine so besondere Lebensgeschichte und meinen grössten Respekt. Mehr als ich dachte, hat mich wohl die innere Überzeugung geleitet, dass ich mir alles erkämpfen kann muss. Sowohl im weltlichen als dann auch im geistlichen Sinn. Wenn ich lieber zum Jugendgottesdienst ging als an meine Schulbücher, klang es in mir: «Du schreibst diese Klausur, nicht dein Gott.» Ich war davon geprägt, dass ich durch genug Anstrengung, Disziplin und gute Organisation alles erreichen könnte, was ich mir vornahm. Die Schule war hart für mich, aber ich habe gekämpft und hatte trotz Prüfungsangst ein gutes Abitur.

Ich habe mich auch bei meinen Eltern durchgesetzt und trotz ihrer Skepsis nach dem Abitur eine Bibelschule besucht. Die Aufnahmeprüfung für die wenigen Studienplätze habe ich auf Anhieb geschafft, weil ich vorbereitet und überzeugt davon war. Ich habe immer eine Arbeitsstelle gefunden, wenn ich sie brauchte. Sogar Wohnungen im In- und Ausland bekam ich zügig organisiert. Ich schaffte die Dinge, wenn ich mir Mühe gab und alles im Blick behielt. Ich wusste natürlich um meinen guten und starken Gott und hatte einen ehrlichen, liebenden Glauben. Aber ich war sehr darauf bedacht, immer vollen Einsatz zu leisten, gut vorbereitet und mir meiner Sache sicher zu sein.

Hilflos wie nie zuvor

Und dann kam der Kinderwunsch. Natürlich alles gut geplant, durchdacht, berechnet. Ich war scheinbar verwöhnt vom Leben. Doch dann kam alles anders. In diesen Jahren musste ich schmerzhaft erkennen, dass ich nicht alles selbst leisten kann. Ich fühlte mich hilflos und ratlos wie nie zuvor. Mein Glaube an mich, meine Willenskraft, mein Kampfgeist wichen immer mehr. Nachdem auch das zweite Kind in mir nicht leben wollte, rang ich mit Gott. Ich wollte Gott ein Versprechen abnehmen, dass mir so etwas nicht noch einmal passieren wird. Ich hatte dafür keine weitere Kraft. Und ich war mir so sicher, dass sich Gott auf meine Seite gestellt hatte. Wir waren doch ein Team. Trotzdem geschah es noch ein drittes Mal und so wich mein letztes inneres Fünkchen Vertrauen in mich. Ich war in allem erschüttert. Enttäuscht von meinem Körper, von mir als Frau, als Ehefrau, als Christin. Ich habe es nicht geschafft.

«Der Herr wird für euch kämpfen»

Es begann ein neuer Prozess des Glaubens. Ich musste einsehen, dass ich eben nicht alles selbst in der Hand habe. Dass ich nicht alles planen und kontrollieren kann. Ich musste die Ungewissheit aushalten, ob wirklich alles so gut werden würde, wie ich mir das vorstellte. Ob meine Träume und Hoffnungen diesmal überhaupt noch wahr würden. Ich musste vermeintliche Sicherheiten loslassen und den Schmerz, die Wut und die Angst mit Gott so teilen, wie den einfachen Dank bisher. Ich weiss nicht, ob mein Glaube durch all die Erfahrungen erwachsener wurde. Vielleicht wurde er reifer, gewiss wurde er tiefer. Und doch irgendwie kindlicher. Weil plötzlich der Bibelvers «Der Herr wird für euch kämpfen» (2. Mose Kapitel 14, Vers 14) eine neue Dimension bekam. Weil ich lernen musste, dass ich schwach und hilflos und still sein darf. Weil ich mich nun öfter traue, mich unerschrocken und selbstverständlich – eben kindlich – nach Gott auszustrecken. Inzwischen – mit den zwei wilden und wunderbaren Söhnen in meinem Leben – erlebe ich neben grösster Freude und Dankbarkeit jetzt erst recht jeden Tag, dass ich nicht alles unter Kontrolle habe. Fast wie damals bin ich auch heute noch jeden Tag darauf angewiesen, dass mich Gott mit seiner Kraft füllt. Mich ausstattet mit einem gesunden Mass an Plänen, die ich immer noch liebe. Mit einem gesunden Mass an Überblick und Kampfgeist. Aber inmitten meiner erwachsenen Ängste und Nöte auch mit dem kindlichen Vertrauen: Ich muss nicht alles schaffen. Ich kann es nicht. Und ich will es auch nicht.

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