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Michael Girgis

«Wer bin ich?» – Wenn die grossen Träume platzen

Michael Girgis ist gescheitert: Seine Gemeinde muss nach neun Jahren schliessen. Am Tiefpunkt findet er seine Identität in Gottes Liebe und in der Folge ein erfülltes Leben – unabhängig von Leistung und Erfolg.

Michael Girgis ist gescheitert: Seine Gemeinde muss nach neun Jahren schliessen. Am Tiefpunkt findet er seine Identität in Gottes Liebe und in der Folge ein erfülltes Leben – unabhängig von Leistung und Erfolg.

«Wer bin ich?» und «Weshalb bin ich auf dieser Welt?» – Diese Fragen beschäftigen Michael Girgis schon früh in seinem Leben. Seine Eltern leben den christlichen Glauben überzeugend vor. Michael engagiert sich in Lagern und einer Jugendgruppe. Für ihn steht definitiv fest: «Ich will allein für Jesus leben.»

Auf die Probe gestellt

1990, während der Rekrutenschule, wird Michaels Glaube ernsthaft auf die Probe gestellt. «Ich habe feststellen müssen, dass mein Glaube kaum einen Unterschied macht. Ich habe mich wie meine Kameraden gefühlt.» Ernsthafte Fragen kommen auf: «Welcher Wert hat mein Glaube, ausser dass ich mich an ein paar Regeln halte?»

Immer noch in einer Glaubenskrise steckend, macht Michael einen Amerikaaufenthalt. «Dort bin ich Jesus auf eine Weise begegnet, wie ich es nie zuvor erlebt habe.» Alle Glaubenszweifel sind weg. Einen Tag später folgt die nächste Gotteserfahrung. «Ich will, dass du Theologie studierst!» Gottes Reden ist klar. Zu Hause verfolgt er dann aber doch seinen ursprünglichen Plan und beginnt, an der ETH Werkstoffingenieur zu studieren. «Ein halbes Jahr lang habe ich mit Gott gekämpft. Ich habe gewusst, dass ich am falschen Platz bin, habe mich aber geweigert, Theologie zu studieren.» Doch dann kapituliert er. «Dann werde ich halt Pfarrer!»

Grosse Träume – kleine Erfolge

Der überraschende Tod von Michaels Vater bringt 1992 viel Schmerz und Trauer mit sich. Dennoch hält er mit seinem Bruder am Ziel fest, einen Hauskreis zu gründen. Daraus entsteht später eine   Gemeinde. «Inspiriert von amerikanischen Mega-Churches wollten wir unsere Stadt auf den Kopf stellen.» Er stellt sich auch vor, als Pastor Bekanntheit zu erlangen. «Ich wollte jemand sein.»

Die Realität ist dann anders. Das grosse Wachstum bleibt aus. «Ganz schwierig waren auch die Pastorentreffen unserer Bewegung. Da war ich immer der Pastor mit der kleinsten Gemeinde.» Diese Treffen verlässt er stets sehr gefrustet. «Ich war frustriert und habe Gott vorgeworfen, mir (oder uns) nicht genügend zu helfen.» Neben dem Teilzeitjob und seiner jungen Familie steckt er alle Energie in die Gemeindearbeit, vieles andere bleibt auf der Strecke.

Als würde der Stecker gezogen

Ende 2000 erkrankt eine Tochter schwer, was einen mehrwöchigen Krankenhausaufenthalt und anschliessend mehrere Monate intensiver Pflege zur Folge hat. Das ist der Anfang vom Ende. Am Tag, an dem Frau und Tochter aus dem Spital nach Hause kommen, bricht Michael zusammen. «Auf einmal ging gar nichts mehr.» Michael muss alles absagen, hat kaum Kraft, sein Bett zu verlassen. Die Diagnose: «Burnout!»

«Wenige Monate später haben wir entschieden, die Gemeinde offiziell zu schliessen.» Neun Jahre nach der Gründung kommt das Ende, die grossen Träume sind nie Realität geworden. Michael ist enttäuscht, ausgebrannt und depressiv. Und wieder sind die Fragen da: «Wer bin ich?» und «Was mache ich in dieser Welt?»

Am Tiefpunkt kommt ein neuer Anfang

Michael ist am Tiefpunkt angelangt. «Das war aber nicht nur das Ende, sondern gleichzeitig auch Neuanfang.» Er, der sich bislang über Leistung und Erfolg definiert, erkennt, dass er nie einen Grund gehabt hat, sich wegen irgendetwas zu rühmen. «Alles ist letztlich ein Geschenk von Gott. Nicht einmal die Tatsache, dass ich an Gott glaube, ist mein eigener Verdienst.»

Gerade dort, wo er offensichtlich keine Erfolge aufzuweisen hat, wird Michael von Gottes Liebe überwältigt. «Ich erkannte, dass ich bedingungslos von Gott geliebt war – einfach so!» Bis anhin hat er sich wertvoll fühlen wollen, indem er in Gottes Reich bedeutend ist. «Doch dann ist mir klargeworden, dass ich für Gottes Plan weniger wichtig bin als ich dachte.» Gottes Werk hat ohne ihn begonnen und ist auch nicht von ihm abhängig. «Und egal, welchen Beitrag ich in Gottes Plan leiste, ändert dies nichts an seiner Liebe für mich.» So findet er seine Identität in Gottes Liebe und damit ein neues Lebensfundament.

In Gottes Plan – ein erfülltes Leben

Als Michael angefragt wird, Teil einer kleinen Männergruppe zu werden, ahnt er nicht, welche Bedeutung diese für sein Leben haben würde. «Diese Gruppe hat mich durchs folgende Jahrzehnt getragen und mir geholfen, mein Leben neu zu ordnen.» Die Männer stellen ihm am ersten Treffen die Frage: «Für wen hast du das alles gemacht?». Diese simple, kritische Frage bewegt ihn, sich und seine Motive kritisch zu betrachten. «Ich hatte geglaubt, dass ich mein Engagement für Jesus tue. Doch jetzt musste ich mir eingestehen, dass da sehr viel Selbstsucht mitspielte.» Das ist schockierend und heilsam zugleich.

Irgendwann stolpert Michael über ein Inserat, mit welchem IGW nach einem Studienleiter-Assistenten suchte. Michael bewirbt sich und erhält die Stelle. «Am ersten Tag habe ich gewusst: Das ist mein Traumjob. Ich will nichts anderes mehr tun.» Inzwischen ist Michael seit bald 20 Jahren bei IGW, seit vier Jahren sogar Rektor. Man könnte sagen: «Er hat es zu etwas gebracht.» Aber Michael hat gelernt: «Ich bin in erster Linie von Gott geliebt. Alles andere ist zweitrangig.» Und er hat ganz praktisch erfahren, wie Gott sein Leben erfüllt, wenn er zuerst nach Gott und seinem Reich trachtet.

Epilog: Rund vier Jahre nach der Schliessung eröffnen Freunde die Gemeinde in Bülach wieder. Einige Jahre später stösst Michael mit seiner Familie auch wieder dazu. Mittlerweile ist er seit vier Jahren wieder als Co-Leiter angestellt. Der begrabene Traum geht unerwartet doch weiter…

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