Glücksbringer statt -sucher – Vom Flüchtling zum «Premierminister»

Als Gor Khatchikyan mit 12 Jahren sein Heimatland Armenien verliess, war ihm nicht bewusst, dass er nie mehr zurückkommen würde. Sein Vater war in Schwierigkeiten geraten, die Familie verliess das Land, so begann eine Odyssee mit ungeahntem Ausgang.

Als Gor Khatchikyan in Jahr 1999 mit 12 Jahren sein Heimatland Armenien verliess, war ihm nicht bewusst, dass er nie wieder zurückkommen würde. Sein Vater war in Schwierigkeiten mit den Behörden geraten und die Familie verliess das Land etwas überstürzt. Eine Odyssee begann, die eine ungeahnte Wende nahm.

Zeit für Abschiede von Schulfreunden gab es keine, auch der Klavierunterricht wurde nicht gekündigt. Sie liessen alles zurück. Nach einer langen Reise im Auto kam die Familie dank der Hilfe von Schmugglern schliesslich in den Niederlanden an. Ihre erste Nacht verbrachten sie unter einem Baum im Park, im Nieselregen. Daraus wurde bald eine achtjährige Odyssee durch verschiedene Asylheime.

Die Familie wurde stets im Unklaren über ihre Zukunft gelassen. Sie beantragten mehrmals Asyl, verloren aber jeden Prozess und jede Gerichtsverhandlung und warteten schliesslich auf den Tag ihrer Abschiebung. Gor hatte in der Zwischenzeit Niederländisch gelernt, ging zur Schule, verdiente Geld und arbeitete hart, um sich seinen Traum zu erfüllen: studieren und Arzt werden.

Kein Glückssucher, sondern Glücksbringer

Eines Tages gab ein ehrenamtlicher Helfer im Asylheim Gor ein Buch, sein erstes Buch auf Niederländisch. Er verschlang es komplett. Es war Demos Shakarians Biographie «Die glücklichsten Menschen auf Erden». Shakarian, ein christlicher Geschäftsmann armenischer Abstammung, floh in den Jahren vor dem Völkermord aus seinem Land. Er ging nach Amerika und gründete das «Full Gospel Business Mens Fellowship International» (Anm. d. Ü.: der deutsche Zweig nennt sich «Christen im Beruf»). Diese Geschichte beeindruckte den jungen Gor zutiefst. Dank der Dienste einer niederländischen Baptistengemeinde unter Flüchtlingen erlebte Gors Familie Erneuerung im Glauben und wurde getauft.

Im Jahr 2007 gab es unfassbare Neuigkeiten. Entgegen aller Erwartungen erhielt die Familie die Erlaubnis, in den Niederlanden zu bleiben. Die niederländische Regierung war mit den Asylanträgen so im Verzug, dass sie eine Generalamnestie verkündete. «Das war der Tag, an dem ich Gnade verstand», sagt Gor. Ein weiteres Wunder war die Bewilligung seines Antrags zum Medizinstudium. Er wurde für seine harte Arbeit und starke Motivation belohnt. In diesem Moment beschloss Gor, ein Segen für sein neues Heimatland zu werden. «Ich bin kein Glückssucher», sagt er, im Hinblick auf das Vorurteil, mit dem so viele Flüchtlinge konfrontiert werden. «Ich bin ein Glücksbringer.»

Josef als Vorbild

Ein paar Jahre später, im Jahr 2012, sah Gor die Anzeige eines neues Fernsehprogrammes für einen Talentwettbewerb, um «den nächsten Premierminister der Niederlande» zu finden. Er zögerte nicht und meldete sich an. Er wurde ausgewählt, um sich gegen 16 ehrgeizige junge Möchtegern-Politiker zu behaupten. In seiner Eröffnungsrede porträtierte er Josef aus der Bibel als sein Vorbild für einen inspirierenden Leiter. «Josef war ein Sklave, der es schaffte, zum Gouverneur zu werden, weil er den Versuchungen von Macht, Sex und Geld widerstand – und das ist ein wahrer Leiter», erklärte Gor im landesweiten Fernsehen.

In einer der letzten Runden des Auswahlprogramms durften sich die Kandidaten selbst ein Thema aussuchen. Gor entschied, sich einem der umstrittensten politischen Themen der liberalen Niederlande zu widmen: «Pro-Life» («Für das Leben»). Er wollte dazu aufrufen, Abtreibungen zu verbannen. Eine Jury von erfahrenen Politikern rechnete ihm seinen Mut und seine Diskussionsfähigkeiten hoch an, gab ihm aber nicht die Punkte, die er zum Gewinnen brauchte. Die Fernsehzuschauer stimmten jedoch überwiegend für ihn ab und wählten ihn zum Gewinner des Wettbewerbs.

Gefragter Redner

Gor wurde nicht Premierminister, diese werden in den Niederlanden selbstverständlich öffentlich gewählt, aber das Fernsehprogramm öffnete ihm viele Türen. Er ist heute ein gefragter Redner in Meetings und auf Konferenzen. Doch er vergisst niemals, wo er herkam: Er begann als Flüchtling, ohne jeglichen Besitz, und durch Gottes Gnade kam er in eine einflussreiche Position.

Er arbeitet als Arzt und dient Menschen in Not. Ausserdem gründete er eine Hilfsorganisation, um armenischen Menschen zu helfen. Erst vor wenigen Monaten veröffentlichte er seine Biographie «Glückssucher», genau zur rechten Zeit in der aktuellen Flüchtlingskrise.

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