Christ und Genosse – Raiffeisen: Am Anfang stand eine fromme Idee

«Was einer allein nicht schafft, das schaffen viele» war für Friedrich Wilhelm Raiffeisen eine zentrale Aussage. Zwei Prinzipien trieben ihn dabei an: Solidarität und Hilfe zur Selbsthilfe. In Zeiten von «ich zuerst» ist diese Botschaft hoch aktuell.

200 Jahre alt wäre er 2018 geworden, der Vater der Genossenschaftsidee Friedrich Wilhelm Raiffeisen. «Was einer allein nicht schafft, das schaffen viele» war eine seiner zentralen Aussagen. Zwei Prinzipien trieben den Christen dabei an: Solidarität und Hilfe zur Selbsthilfe. In Zeiten von «ich zuerst» ist dies eine hoch aktuelle Botschaft.Friedrich Wilhelm Heinrich Raiffeisen wurde am 30. März 1818 in Hamm an der Sieg geboren. Der Sozialreformer und Christ ist heute hauptsächlich über die Raiffeisenbanken bekannt. Doch das lang verstrichene Datum täuscht: Viele seiner damaligen Ideen sind bis heute aktuell.

«Selbst» als Programm

Am 30. März 1818 kam Raiffeisen als siebtes von neun Kindern in Hamm zur Welt. Sein Vater verlor sein Bürgermeisteramt nach einem Griff in die Kasse – jahrelang zahlte die Familie dafür. Aber seine Mutter und sein Patenonkel, der örtliche Pfarrer, prägten ihn trotz finanzieller Nöte zu einer Mischung aus Sparsamkeit und lebenspraktischer Frömmigkeit. Während Hunger und Arbeitslosigkeit Millionen Deutsche in die Emigration trieben, meldete sich Raiffeisen mit 17 freiwillig zum Militär. Jahre später musste er wegen eines Augenleidens ausscheiden, doch in seiner anschliessenden Aufgabe als Bürgermeister engagierte er sich für Schul- und Strassenbau sowie den Verkauf landwirtschaftlicher Produkte. Dabei prägten drei Begriffe sein Leben und Arbeiten: Selbsthilfe, Selbstverantwortung und Selbstverwaltung.

Der Genossenschaftsgedanke

1846 kam es zu Vulkanausbrüchen in Asien und dadurch auch zu Klimaveränderungen in Europa. Im Westerwald fiel im August Schnee, der Ernteertrag war mehr als gering. Raiffeisen gründete den «Weyerbuscher Brodverein», anfänglich zur Verteilung von Lebensmitteln, dann für den gemeinsamen Bezug von Saatgut und Kartoffeln.

Während Marx und Engels in London ihr Kommunistisches Manifest veröffentlichten und Revolutionen durch Europa zogen, gründete Raiffeisen den «Flammersfelder Hülfsverein zur Unterstützung unbemittelter Landwirte», der Landwirten Kredite im Rahmen einer Solidarhaftung vergab. Dazu kam ein Wohltätigkeitsverein zur Fürsorge für verwahrloste Kinder sowie deren Erziehung, den Kauf von Vieh für unbemittelte Landleute, die Beschäftigung entlassener Sträflinge und die Errichtung einer Kreditkasse für Bedürftige.

Heute sind in Deutschland über 22 Millionen Menschen in irgendeiner Form genossenschaftlich organisiert. Und das genossenschaftliche Prinzip der «Hilfe zur Selbsthilfe» findet heute bei vielen Mikrofinanzinstituten in Entwicklungsländern Anwendung.

Eine ausgezeichnete Idee

Kurz nachdem Raiffeisen aus gesundheitlichen Gründen in den Ruhestand versetzt wurde, veröffentlichte er sein Buch «Die Darlehnskassenvereine als Mittel zur Abhülfe der Noth der ländlichen Bevölkerung sowie auch der städtischen Handwerker und Arbeiter». Das Buch wurde ein Erfolg. Vier Jahre später existierten bereits 75 solcher Vereine. Es entstanden zahlreiche Einrichtungen für Spar- und Darlehnskassenvereine auf nationaler Ebene. Heute bilden die Genossenschaftsbanken mit etwa 30 Millionen Kunden und über 18 Millionen Mitgliedern die grösste genossenschaftliche Gruppe in Deutschland.

Raiffeisen sollte für seine Verdienste beim Aufbau des landwirtschaftlichen Genossenschaftswesens die Ehrendoktorwürde der Bonner Friedrich-Wilhelm-Universität erhalten. Aber er starb kurz davor am 11. März 1888 in Heddesdorf. Bis heute sind zahlreiche Schulen, Strassen, Gebäude und die Raiffeisenbanken nach dem innovativen Christen benannt. 2016 wurde die Genossenschaftsidee sogar als immaterielles Erbe in die UN-Liste des Kulturerbes der Menschheit aufgenommen.

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