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Ein Mann steht zwischen den Betonplatten von Mahnmal, die zentrale Holocaustgedenkstätte in Berlin (Symbolbild)

Es kostete ihn fast alles – Pastor rettete im Schatten des Zweiten Weltkriegs

Es gibt viele unbekannte Helden des Zweiten Weltkriegs, die ihr Leben riskierten, um Juden und andere Verfolgte zu retten – oft unter grössten persönlichen Opfern. Einer dieser oft stillen Helden ist der französische Pastor Pierre Charles Toureille.

Viele wollten keine Aufmerksamkeit für das, was sie schlicht als das einzig Richtige empfanden. Und oft waren die Retter Christen. Einer dieser stillen Helden war Pastor Pierre Charles Toureille. Er setzte sich unermüdlich für Flüchtlinge in Frankreich ein. Als die Nationalsozialisten begannen, Juden im Rahmen der teuflischen «Endlösung» zu deportieren, ging Toureille in den Untergrund und versuchte heimlich, so viele Menschen wie möglich vor den Häschern der Nazis zu retten.

Vor den Schrecken des Zweiten Weltkriegs führte Pierre Charles Toureille ein eher gewöhnliches Leben. Er war Pfarrer mehrerer protestantischer Gemeinden im Süden Frankreichs, diente in der Armee und zog mit seiner Frau fünf Kinder gross.

Lage rasch erkannt

In den 1930er-Jahren engagierte er sich in ökumenischen Organisationen, die zunehmend beunruhigt auf die Ereignisse in Europa blickten. In diesen Kreisen diskutierte man intensiv über die bedrohliche Lage in Deutschland und über den Konflikt zwischen Pazifismus und der Notwendigkeit, dem Bösen notfalls mit Gewalt zu begegnen. Antisemitismus wurde dabei ausdrücklich verurteilt.

«Mein Vater erkannte die deutsche Gefahr von Anfang an», berichtete Toureilles Sohn Marc Zasloff. «Er sagte uns: ‘Wenn sie die Juden zusammentreiben, ist klar, dass sie nicht zurückkehren werden. Man muss nur 'Mein Kampf' lesen.’»

Viele Juden in den Lagern

Zunächst wurde Toureille als Seelsorger für die protestantischen Flüchtlinge im Lager von Nîmes eingesetzt. Da die Nazis politische Gegner ebenso wie Juden verfolgten, flohen viele nach Frankreich, das bis 1936 rund 2,5 Millionen Geflüchtete aufgenommen hatte. Im Januar 1939 wurde dort das erste offizielle Flüchtlingslager eingerichtet.

Mit dem Ausbruch des Krieges und dem Fall Frankreichs unter die Nazis übergab das Vichy-Regime viele ausländische Juden an die Besatzungsmacht. Anfang 1941 befanden sich in den südfranzösischen Lagern schätzungsweise 40’000 Juden unter 47’000 Insassen.

Grosse Not

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Pierre-Charles Toureille (1900-1976)

Zunächst kämpfte Toureille nur mit den entsetzlichen Zuständen in den Lagern. Er bat Regierung und Hilfsorganisationen um Nahrungsmittel – und um Bibeln. Dank seiner Sprachkenntnisse konnte er mit vielen Flüchtlingen kommunizieren, und sein hervorragendes Gedächtnis bewahrte ihn davor, gefährliche Informationen schriftlich festzuhalten.

1940 berichtete er, dass die Lagerinsassen täglich nur dünnen Kaffee, wässrige Suppe, 300 Gramm Brot und 20–30 Gramm knochiges Fleisch bekamen. Drei Menschen teilten sich eine Decke, viele hatten keine Kleidung. Typhus und Tuberkulose wüteten, die Sterberate war hoch.

Hunger auch Zuhause

Auch seine eigene Familie litt Not, sein Sohn Marc Zasloff erinnert sich: «Wir hatten fast nichts zu essen, nur Steckrüben, dreimal am Tag.» Die Mutter erkrankte schwer im bitterkalten Winter 1940. «Wir warfen ihm vor, dass er fremden Menschen half, aber seine eigenen Kinder vernachlässigte», erzählt die jüngste Tochter Anne-Marie. «Später begriff ich, dass die Fremden ihn dringender brauchten als wir. Ohne ihn wären viele gestorben – ich bin heute stolz darauf.»

Offiziell sollte Toureille nur die Protestanten im Lager betreuen, tatsächlich half er aber auch vielen jüdischen Flüchtlingen. Die Helfer mussten erfinderisch sein.

Hilfe angesichts des Holocaust

1942 begann das Vichy-Regime, Juden zu deportieren – ein Todesurteil, wie viele damals ahnten. Einige kirchliche Führer, sowohl protestantische als auch katholische, protestierten, jedoch vergeblich.

Von nun an mussten die Helfer im Untergrund agieren. Offizielle Fluchtwege waren blockiert, also begannen Toureille und sein Team, Visa zu fälschen, etwa für eine Weiterreise über die Schweiz nach Mexiko oder Kambodscha. Sie suchten Verstecke und sichere Zufluchtsorte.

Toureille erhielt den Auftrag, die Lager zu leeren, da deren Bewohner «leichte Beute» für die Nazis waren. Mit zunehmender Gewissheit hörte man von den Gaskammern und Massenmorden.

«Wir kämpfen nicht alleine»

Getragen vom Glauben schrieb Toureille: «Vergessen wir nicht, dass wir nicht allein kämpfen. Mit uns kämpft der lebendige Gott, der den Krieg verabscheut und dessen unendliches Erbarmen bis auf die Schlachtfelder reicht – Gott, dessen Liebe allen Hass entwaffnen wird.»

Wie Yad Vashem, die israelische Holocaust-Gedenkstätte, dokumentiert, rettete Pierre Charles Toureille zahlreiche Leben. Da Helfer, wenn entdeckt, in Konzentrationslager geschickt wurden – wie etwa die niederländische Christin Corrie ten Boom –, gelten sie heute als «Gerechte unter den Völkern». Laut dem Archiv von Yad Vashem wurde Pastor Toureille siebenmal verhört und wegen des Verdachts, Juden zu helfen, gefoltert.

Grosse Opfer gebracht

In einem von den Behörden abgefangenen Brief schrieb Toureille an Verwandte: «Ich weiss nicht mehr, was Familienleben ist. Meine fünf Kinder kennen mich kaum noch… Ich habe meine Gesundheit geopfert, meinen Ruf gefährdet und mir, selbst unter denen, denen ich helfen will, viel Unverständnis und Hass zugezogen – sogar bei meinen eigenen Mitarbeitern.»

Yad Vashem dokumentiert: «Auch das jüdische Ehepaar Sperber verdankt Toureille das Leben. Er bestätigte fälschlich, dass sie Protestanten seien, und half ihnen, in einem verlassenen Haus in den Alpen im Département Isère Zuflucht zu finden. Als die Sperbers im Juni 1943 einen Sohn bekamen, unterstützte der Pastor sie regelmässig mit kleinen Geldbeträgen und Lebensmitteln.»

Kinder fanden Verständnis

Nach Kriegsende herrschte zwar Erleichterung, doch die Jahre der Entbehrung hatten Spuren hinterlassen. Toureille verliess Frankreich, lebte eine Zeit lang in der Tschechoslowakei und später in den USA. Laut Marc Zasloff zeigte er Anzeichen von Depression.

Seine Kinder, die unter seiner Abwesenheit gelitten hatten, fanden später Verständnis. «Manchmal hasste ich ihn für seine Strenge und seine Abwesenheit», sagt Marc. «Er glaubte wohl, er könne die verlorene Zeit durch Disziplin wettmachen. Heute, älter und hoffentlich weiser, kann ich mir vorstellen, wie schwer sein Leben war, um so viele zu retten. Wenn wir darunter litten – dann war es das wert.»

Am 6. November 1973, fast drei Jahre vor seinem Tod, ehrte Yad Vashem Pierre Charles Toureille als «Gerechten unter den Völkern».

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