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Lisa Boullt

Betroffene Angehörige erzählt – Organspende: Die andere Seite der Trauer

Ein Unfall mit fünf Jugendlichen, von denen nur vier überleben. Zurück bleibt eine trauernde Familie – und eine Schwester, die ihre Geschichte teilt. Sie erzählt vom Schmerz, vom Glauben, von der Heilung – und wie das Herz ihrer Schwester weiterlebt.

Lisa Boullt hatte als Kind eigentlich keinen konkreten Traum. «Ich wollte bei Disney arbeiten oder etwas tun, das mir Freude macht.» Sie studierte Public Relations und zog nach Nashville, wo sie unter anderem für den Musiker Charlie Daniels arbeitete.

«Ich war 24, als meine Schwester Andrea starb. Ich war noch so jung, dass ich vieles nicht richtig verarbeiten konnte. Innerhalb von nur vier Monaten habe ich nicht nur sie, sondern auch alle drei Grosseltern verloren. Für mich war es ein ständiger Kreislauf zwischen Krankenhaus, Bestattungsinstitut und Friedhof. Nach der vierten Beerdigung konnte ich, ehrlich gesagt, nicht mehr weinen – ich war einfach betäubt.»

Sie wollten neu anfangen

«Am Tag des Unfalls waren meine Mutter und mein Bruder bei mir in Nashville. Meine Mutter wollte in zwei oder drei Wochen endgültig hierher ziehen – sie hatte gerade einen Job angenommen. Nach der Scheidung von meinem Vater wollten sie und Andrea in Tennessee neu anfangen», erinnert sich Lisa Boultt.

«An dem Wochenende, als sie zu Besuch waren, heiratete eine von Andreas besten Freundinnen.» Deshalb war Andrea nicht mitgereist. «Es gab noch keine Handys, also rief Andrea mich zu Hause an, um mir zu sagen, dass sie gut angekommen waren, und dann ging meine Mutter schlafen. Später erfuhren wir, dass Andrea und ihre Freunde noch einmal weggefahren waren. Wahrscheinlich nur Teenager, die rumgefahren sind.»

Der Unfall

Andrea sass auf dem Rücksitz in der Mitte. Laut Polizeibericht schlief der Fahrer ein und fuhr über vier Fahrspuren. Da auch alle anderen schliefen, konnte niemand genau sagen, was passiert war.

«Am nächsten Morgen rief mich meine Schwägerin an. Wir wussten nur, dass es einen Unfall gegeben hatte – wie es Andrea ging, war unklar. Meine Familie machte sich sofort auf den Weg, ich konnte einen Flug nehmen. Als ich im Krankenhaus ankam, lebte sie noch, war aber an ein Beatmungsgerät angeschlossen und hatte keine Hirnaktivität mehr. Sie ist nicht mehr aufgewacht. Man sagte uns damals, dass ihre Überlebenschancen sehr gering seien.»

Es war einer der schlimmsten Momente im Leben von Lisa Boullt. «Sie hatte keine sichtbaren Verletzungen, keine Schnitte oder Prellungen. Sie sah aus, als würde sie schlafen. Nur eine kleine Beule am Kopf. Es war für uns alle schwer zu begreifen – äusserlich sah sie gut aus, aber ihr Gehirn war schwer verletzt. Am nächsten Morgen ist sie gestorben. Kurz davor wurden wir gebeten, über eine Organspende nachzudenken.»

Andreas Vermächtnis lebt weiter

Der Familie fiel die Entscheidung nicht schwer. «Als man uns erklärte, wie viele Menschenleben durch eine Organspende gerettet werden können – heute sind es bis zu 75 Menschen durch Organe, Gewebe, Venen oder Knochen – wussten wir sofort: Andrea hätte das gewollt. Sie war so lebensfroh, lustig und fröhlich. Diese Entscheidung haben wir als Familie sehr schnell getroffen, denn die Zeit drängte.»

Menschen, die auf ein Spenderorgan warten, sind oft lebensbedrohlich erkrankt, weiss Lisa Boultt. «Zu wissen, dass unsere Trauer für andere das Leben bedeutet, ist ein unbeschreibliches Gefühl. Ich dachte: Ich hoffe, jemand hat ihr Herz bekommen – ihr Herz voller Liebe für die Musik, für ihre Freunde und unsere Familie. Wenn man jemanden trifft, der dank einer Organspende überlebt hat, verändert das alles. Sie erzählen aus ihrer Sicht, wie ihr Leben gerettet wurde. Das ist der Moment, in dem Gott mir gezeigt hat: Das musst du sehen. Es gibt auch diese Seite. Ich kannte nur den Verlust, aber nicht den Gewinn – bis vor etwa drei Jahren.»

Ein neues Leben nach dem Verlust

«Ich glaube, dass Gott manchmal Humor hat», überlegt Lisa Boullt. «Als er mir sagte, ich solle die Geschichte meiner Schwester erzählen, dachte ich: 'Im Ernst? Ich weiss nicht, wie das geht. Aber ich habe gelernt: Wenn Gott dir einen Auftrag gibt, stell keine Fragen – sag einfach ‘Ja’. Alles andere wird sich ergeben.»

Andrea war zu diesem Zeitpunkt bereits seit 28 Jahren tot. «Ich habe mich mit ihren alten Freunden in Verbindung gesetzt und sie gefragt: ‘Wie habt ihr euch kennengelernt? Was sind eure schönsten Erinnerungen?’ Es war ein Geschenk, wieder mit Menschen in Kontakt zu kommen, die Andrea geliebt haben – und es heute noch tun.»

Eine neue Gemeinschaft

In den vergangenen eineinhalb Jahren hat sie rund 20 Menschen kennengelernt, die selbst Organe gespendet oder erhalten haben. Daraus ist eine ganz neue Gemeinschaft entstanden. «Das ist meine Mission geworden – nicht nur, weil Gott es mir aufs Herz gelegt hat, sondern weil ich Andreas' Vermächtnis weitertragen möchte. Ich möchte jungen Menschen von ihr erzählen, ihre Geschichte teilen – denn es gibt viele Missverständnisse rund um das Thema Organspende.»

Lisa Boultt erklärt weiter: «Ich glaube, wenn du für etwas brennst – sei es dein Beruf oder eine Herzensangelegenheit – und Gott es dir aufs Herz legt, dann wirst du ein Fürsprecher, egal wie es aussieht.»

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