Nach der Scheidung – Neuland im eigenen Haus

Lange waren Katja und Rolf ein Ehepaar. Sie bekamen zwei Kinder, bauten gemeinsam ein Haus. Eines Tages aber zieht Rolf aus. Katja bleibt zurück und erfährt, wie es ist, wenn man in den eigenen vier Wänden das Zuhause verliert.

Lange waren Katja und Rolf* ein Ehepaar. Sie bekamen zwei Kinder, bauten gemeinsam ein Haus. Eines Tages aber zieht Rolf aus. Katja bleibt zurück und erfährt, wie es ist, wenn man in den eigenen vier Wänden das Zuhause verliert.Es ist Samstagnachmit­tag, als Katja durch die Zim­mer ihres Hauses eilt. Ver­zweifelt hofft sie, irgendwo jemanden zu finden. Obwohl sie weiss, dass es unmöglich ist. Die Kinder sind ja unter­wegs. Im Ausgang oder bei Freunden. Alt genug sind sie ja. Wer also sollte dort auf sie warten? Letztendlich findet sie doch etwas: die traurige Erkenntnis, allein zu sein. Einsam sogar, fast schon verloren in diesem grossen Haus. Plötzlich klingelt es an der Haustüre. Die achtjähri­ge Tochter der Nachbarn steht dort und fragt, ob Katja Lust hätte zu ihnen rüber zu kommen. Vielleicht auf einen Kaffee oder ein Brettspiel? «Und ob ich Lust habe», denkt sie sich. «Ich muss raus hier. Es tut einfach nur weh.»

Über zwanzig Jahre waren Katja und Rolf miteinander verheiratet. Zusammen hat­ten sie das Haus gebaut und viel investiert, um sich ein gemeinsames Zuhause zu schaffen. Während Rolf berufstätig war, übernahm Katja die Rolle der Hausfrau und auch die Betreuung der beiden Kinder. «Wir waren lange ein gutes Team», sagt die heute 55-Jährige.

Einigermassen überraschend teilte ihr Rolf eines Tages mit, dass er eine Auszeit neh­me. Ab nächstem Monat hät­te er eine eigene Wohnung. Er brauche Abstand, habe sich verändert. Eine Veränderung, die Katja auch be­merkt, allerdings der berufli­chen Situation und seinem Stellenwechsel zugeschrie­ben hatte. Aber es waren wohl andere Dinge, die ihn belasteten. Offenbar trug er diese Entscheidung auch schon länger mit sich herum. «Ich liebe dich nicht mehr», sagte er zu ihr und es war, als ob ihr der Boden unter den Füssen weggerissen würde.

Eine neue Beziehung

Mittlerweile ist es Samstag­nacht. Das Spielen mit den Nachbarn und deren Tochter hat gut getan. Es ist vielleicht zwei oder drei Uhr. Katja ist immer noch wach. Sie liegt alleine in einem Ehebett. Wieder alleine in diesem Haus, nur mit ihren Gedan­ken und Gefühlen. «Bin ich eigentlich die Allerletzte? Bin ich wirklich nicht lie­benswert? Ich meine, wenn mich sogar mein Mann verlässt…»

Sie dreht sich im Bett auf die andere Seite. Mit ihr drehen sich ihre Gedanken. Schuld­gefühle mischen sich darun­ter. «Habe ich ihm zu wenig gezeigt, dass ich ihn liebe? Habe ich zu viel von ihm er­wartet?» Sie kramt im Nacht­tisch und holt eine Bibel hervor. Es bleibt ja sonst nicht mehr viel, an dem sie sich aufrichten kann. Sie liest in den Psalmen, die ihr Trost spenden. «Und Gott liebt mich trotzdem», denkt sie sich schliesslich und ver­sucht zu schlafen.

Obwohl der Auszug von Rolf ein Schock gewesen war, wollte Katja nicht so einfach aufgeben. «Für mich galt das 'Ja' von damals immer noch. Bis dass der Tod uns schei­det», hatte sie ihm verspro­chen. Doch was er Jahre vor­her auch noch so gesehen hatte, wollte er nun nicht mehr. Nach langem Zögern willigte Rolf schliesslich ein, gemeinsam Hilfe in einer Eheberatung zu suchen. Bei Katja keimte Hoffnung auf: «Ich denke nicht, dass Gott will, dass eine Ehe auseinan­der geht.»

Was folgte, war die nächste Enttäuschung. Bereits ein halbes Jahr nach seinem Auszug begann Rolf eine neue Beziehung – mit einer ge­meinsamen Bekannten. «Das hat mich zu Boden geschla­gen», sagt Katja.

Alleine mit Schmerz und Trauer

Am Sonntagmorgen hat Kat­ja zumindest ein paar Stun­den geschlafen. Früher gin­gen sie sonntags gemeinsam als Familie in die Kirche. Sie hatten sich dort beide aktiv engagiert. Das heisst, bis sich Rolf auch dort zurück­gezogen hatte. Dennoch entscheidet sich Katja heute Morgen, in die Kirche zu ge­hen. Die Gemeinde war ihr immer wie eine Heimat ge­wesen. Sie muss ja unter Leute. Auch wenn sie weiss, dass es unangenehm wird. «Sag deinem Mann einen Gruss! Hab ihn schon lang nicht mehr gesehen», heisst es dann und das stört sie. Als Paar waren es ihre ge­meinsamen Freunde, jetzt muss sie sich alleine rechtfertigen.

Die Jahre nach der Trennung waren schwierig. Die beiden Kinder, damals 17 und 19, wohnten noch bei ihr. Sie wollte trotzdem ein Zuhause schaffen. Obwohl alles Ver­traute auf einmal fremd schien, entschied Katja: «Ich will nicht verbittert werden!» Sie suchte Rat bei einer Psy­chologin, damit sie an dieser Situation nicht zu Grunde gehen würde.  

Nach drei Jahren hatte sie letztendlich zu Rolf gesagt: «Wenn du die Scheidung willst, musst du das in die Wege leiten.» Und er wollte. Die Scheidung lief einiger­massen friedlich ab. Den­noch war damit nicht alles abgeschlossen. Der Kontakt zu Rolf nahm ab. Man sah sich gelegentlich an einem Geburtstag der Kinder. Der Schmerz und die Trauer wa­ren aber immer noch da.

«Lass das Alte hinter dir»

Es war ein Erlebnis auf einer Israelreise, das den Heilungsprozess entscheidend beschleunigte. Dort hatte sie den Eindruck, wie wenn Je­sus direkt zu ihr sprechen würde: «Ich zeige dir das Land, in dem ich gelebt habe. Und dir zeige ich neues Land. Lass das Alte hinter dir.» Schrittweise lernte Katja, das alte Haus zu ihrem neuen Zu­hause zu machen. Neues Land im alten Haus. Ein neu­es Bett hat sie sich gekauft, das Ehebett musste raus. Obwohl immer noch vieles mit Erinnerungen verbunden ist, hat sie sonst nur wenig ver­ändert. Die alten Fotoalben liegen noch im Schrank – sie bleiben ein Teil ihres Lebens. Aber er ist abgeschlossen. Soweit man so etwas abschliessen kann. Mittlerweile sagt Katja: «Gott hat Grosses ge­tan in meinem Leben. Ich bin geheilt. Die Narben bleiben, aber sie tun nicht mehr weh.»

Eine neue Beziehung kam für Katja bislang nicht in Frage. Der Schritt, einem neuen Partner zu vertrauen, ist nicht so einfach. Ausserdem geniesst sie ihr neues Single-Dasein und die damit ver­bundenen Möglichkeiten zur Zeit sehr. «Ich weiss nicht, wie es ist, wenn ich dann mal alt bin», sagt sie. «Aber Gott steht zu mir. Er liebt mich trotzdem!»

*Namen geändert

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