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Am Lebensende war ihr Vater endlich bereit, über Jesus zu reden (Symbolbild)

Am Lebensende – «Komm. Lass uns rauben gehen.»

Kurz vor seinem Tod ist Christine Kernstocks Vater endlich bereit, mit ihr über Jesus zu reden. Ein Moment, auf den sie lange gewartet hat. Doch dann fehlen ihr auf einmal die Worte.

Mein Vater wollte sein Leben lang nichts von Gott wissen. Auf meinen Glauben antwortete er oft mit mildem Spott, mit einem leichten Kopfschütteln oder er reagierte gar nicht.

Es ist 2017 und drei Tage nach der Gemeindefreizeit. Ich fahre nach Hause zu Papa. Der Zauber der Freizeit verfliegt. Zwar hallen noch immer die Gebete nach und viele aufmunternde Nachrichten von Freunden begleiten mich auf meinem Smartphone. Dennoch fahre ich wieder in eine «andere Welt». Beten fällt mir mit jedem Meter schwerer. Ein Phänomen, das ich schon häufiger beobachtet habe.

Im Auto bete ich ein letztes intensives Gebet, bevor ich die Autobahn verlasse. Und mir kommt der Vers von Markus 3,27 in den Sinn. «Andererseits kann aber auch niemand in das Haus eines Starken eindringen und ihm seinen Besitz rauben, wenn er den Starken nicht vorher fesselt. Dann allerdings kann er sein Haus ausrauben.»

Und dann habe ich plötzlich den vagen Eindruck, dass Jesus leise antwortet: «Komm. Lass uns rauben gehen.»

Kranker und kraftloser Vater

Wenig später sitze ich bei meinem Papa im Wohnzimmer und bin geschockt. Es ist nur vier Wochen her, seit ich das letzte Mal hier war. Aber von dem Mann, den ich kannte, ist kaum noch etwas übrig. Keine Farbe, keine Kraft, kein Leuchten. Er will über den Abbruch der Krebstherapie reden, wofür er aufgrund eines Schlaganfalls meine Zustimmung und Übersetzung bei den Ärzten braucht. Es war mein letztes Druckmittel. Wir hatten schon vor Jahren vereinbart, dass er mit mir wenigstens kurz über Jesus reden muss, sollte er jemals mit meiner Zustimmung Therapien beenden wollen. Nicht sehr elegant, ich weiss. Aber Verzweiflung lässt einen komische Wege einschlagen. Und nun lasse ich diesen Deal fallen. Kein Jesus, kein Kampf mehr.

Hilflose und überforderte Tochter

Und dann sieht mich mein Vater an und versucht mir verständlich zu machen, dass er mit mir reden muss. Er wird ganz aufgeregt. Ich rätsle, was er mir sagen will, denn seit dem Schlaganfall hat er seine Sprache verloren. Er versteht noch alles, aber ihm fallen keine Worte mehr ein. Nach einigem Rätseln und einem schliesslich sehr ungehalten werdenden Vater fällt mir nur noch «Magst du über Jesus reden?» ein. Fühlt sich komisch pelzig an, diesen Namen in diesem Wohnzimmer auszusprechen. Mein Vater jubelt auf. «Ja.» Er beugt sich mit einigem Kraftaufwand nach vorne und schaut mich gespannt an. Ich fühle mich hilflos und überfordert. All die Kurse in Evangelisation und ich sitze da und weiss nicht, was ich sagen soll. Ganz toll, Frau Predigerin.

Ich rätsle noch eine Weile mit meinem Vater, was er wohl über Jesus wissen will, bis ich irgendwann herausplatze. «Willst du Jesus dein Leben geben?» Papa schaut mich an und sagt leise. «Ja.»

Die nächsten Minuten heule ich. Papa wartet geduldig.

Ein hölzernes Gebet

Und jetzt? Wie macht man das, wenn jemand nicht reden kann? Wenn jemand noch nichts über Gott weiss. Geht das? Kann er «Ja» zu einem Gott sagen, den er nicht kennt? Und wie bringe ich meinem Vater das Thema Schuld und Umkehr nahe, ohne ihn zu verprellen?

Ich schlage mit zitternder Stimme vor, dass ich ein Gebet laut formuliere. Und dass er «Ja. Amen.» sagen soll, wenn er dem Gebet zustimmt. Oder schweigen, wenn er etwas nicht mag.

Dann formuliere ich, ein wenig hölzern. Und Papa unterbricht mich immer wieder, um «Ja» zu sagen. Nicht einfach nur so. Er ist aufgeregt, hat Tränen in den Augen. Murmelt immer wieder etwas Unverständliches. Als ich abschliesse, sagt er noch einmal «Ja, Amen».

Jesus neu kennengelernt

Das war es. Mein Vater ist in Sicherheit. Er lehnt sich entspannt zurück. Ich bin klatschnass geschwitzt. Vier Tage später stirbt mein Vater. Es geht schnell und schmerzlos.

«Lass uns rauben gehen.» Ich habe Jesus neu kennengelernt in den letzten Tagen. Ich dachte immer, dass Bekehrung ausschliesslich eine Art Liebestanz ist: Jesus lockt, zieht und schiebt uns, bis wir nachgeben und in seine Arme fallen.

Doch meinen Papa hat er geraubt. Aus einem Haus, in dem er unglücklich und gefangen war. Ich habe den SEK-Jesus kennengelernt. Einen Jesus, der auf die Gebete seiner Kinder hört und der handelt. Und wie er gehandelt hat.

Als ich es meiner Schwester am Telefon mit tränenerstickter Stimme erzähle, dass Papa bei Jesus ist, kommt von ihr nur ein leiser, glücklicher und erschütterter Satz, der mich seither begleitet: «Wenn Jesus das kann, dann kann er alles.»

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