Offene Wunden, offenes Herz – Jason Gray: «Ich bin dankbar für die schmerzvollen Lektionen»

Der christliche Ausnahme-Musiker Jason Gray kennt nicht nur Anerkennung, sondern auch Kummer. Der Schmerz führte ihn ins Leben zurück, erklärt der begnadete Sänger. Gleichzeitig erlebte er Verwirrendes.

Der christliche Ausnahme-Musiker Jason Gray kennt nicht nur Anerkennung, sondern auch Kummer. Der Schmerz führte ihn ins Leben zurück, erklärt der begnadete Sänger. Gleichzeitig erlebte er Verwirrendes. Zum Beispiel halfen seine Lieder anderen, aber nicht ihm selbst, und er fragte: «Warum helfen die Songs, die ich verfasse, die Ehen von anderen zu retten, aber meine nicht?»

«Es gibt ein Zitat von Dietrich Bonhoeffer über Gram, das mir gefällt», gibt Jason Gray (44) einen Einblick in sein Erleben. «Darin geht es darum, dass der Schmerz ein Beweis des Guten ist, das verloren gegangen ist, und es ist eine Art Tribut. Es ist ein fortlaufender, bedeutsamer Weg wie wir das ehren, das verloren gegangen ist.»

Musik sei für ihn stets heilsam gewesen. «Auf meinen beiden letzten zwei oder drei Alben habe ich viel Trauer verarbeitet. Bei meinem neusten Album ist viel Hoffnungsvolles dabei, dies lässt sich freier ausdrücken. Ich wollte eine fröhlichere, optimistischere Aufnahme produzieren und gleichzeitig eine tief verwurzelte Freude abbilden.» Alles aus dem eigenen Erleben heraus.

Geschichte geht verloren

Während fast einem Jahrzehnt kämpfte der dreifache Vater um seine Ehe, doch dies gelang nicht. «Oft fragte ich mich, wie mehr als die Hälfte der Verheirateten durch Krisen gehen und sie überstehen können. Ich wusste nicht, ob ich es überleben würde. Von Experten hörte ich, dass es sehr schwer ist, wenn der Partner stirbt, aber wenn jemand ums Leben kommt, sind da immer noch die Erinnerungen die blieben. Die Geschichte bleibt intakt.» Das sei der Unterschied zur Scheidung: Etwas vom Bedeutendsten, das man bei einer Scheidung verliere, sei die  Geschichte. «Du hast nicht mehr den Zugang zum Vergangenen, wie er sein sollte. Das Leben ist vereinnahmt durch Schmerz, Verlust und Verunsicherung.»

Viele Jahre habe er versucht, die Ehe widerherzustellen. «Doch ich habe es nicht gut gemacht. Niemand kann einen auf das Chaos vorbereiten, das entsteht, wenn eine Familie auseinanderbricht. Jeder Beteiligte wird verunsichert.» Doch selbst in dieser Zeit hatte er sich nicht übermannen lassen.

Am Boden zerstört

In vielen seiner Lieder drückt er den Weg aus, den er gegangen ist, ohne jemanden zu beschuldigen. Während er seine Ehe nicht retten konnte, halfen seine Werke anderen, die Mauern, die in ihren Beziehungen entstanden waren, niederzureissen. «Nach jedem Konzert kamen Menschen zu mir und berichteten, wie der eine oder andere Song ihnen geholfen habe, ihre Beziehung zu retten. Das war wunderschön und gleichzeitig verwirrend. Warum halfen die Songs, die ich verfasste, ihre Ehen zu retten, aber meine nicht?»

Der Schmerz gehörte für ihn zum Alltag. «Ich war ausgelaugt, depressiv und mein Herz war gebrochen.» Bei seinen Shows wurde er am Flughafen abgeholt, «wir fuhren zum Veranstaltungsort, bauten die Anlage auf, ich ging in die Garderobe, fiel auf den Boden, weinte und betete. Dann folgte der Soundcheck, dann gings zurück in die Garderobe, wo ich wieder auf den Boden zusammensackte, um zu weinen und zu beten.» Dann folgten Konzert und Autogrammstunde, es ging ins Hotel, «wo ich mich wieder auf dem Boden zusammenrollte, weinte und zu Gott schrie. Mit aller Kraft wollte ich meine Ehe retten. Noch nie hab ich für etwas so intensiv gebetet.» Mit der Zeit verlor sein Glaube, das Gebet und die Anbetung an Kraft.

Verbunkern unmöglich

Als die Scheidung nach acht Jahren schweren Ringens endgültig wurde, war er vernichtet, depressiv, ausgelaugt. «Ich war gerade auf Tour mit 'Big Daddy Weave' und musste nur 25 Minuten spielen. Ich dachte: 'Ich schaffe das. Ich werde einfach meine  Lieder spielen und mich dann verbunkern.' Ich wollte mich einfach verstecken.» Doch daraus wurde nichts.

«Jeden Abend wurde dazu aufgerufen, dass die Menschen nach vorne kommen können und die Bandmitglieder und Künstler für sie beten. Ich wusste nicht, ob ich das tun kann, ich wusste nicht einmal, ob ich noch an das Gebet glaubte. Doch ich dachte, wenn Gott sich in eine bestimmte Richtung bewegte, wollte ich auch auf diesem Pfad sein, damit mich etwas Heiliges treffen könnte.»

Niemand wusste um seine Geschichte. Die Leute, die gleich am ersten Abend zu Jason kamen, um für sich beten zu lassen, waren Paare, deren Ehen in Schwierigkeiten waren… «In dem Moment spürte ich, wie Gott mir mitteilte: 'Ich habe immer noch gute Arbeit, die du tun sollst.»' Er begann, wieder Hoffnung zu schöpfen.

Neues erzählen

Sein neues Werk «Where the light gets in» («Wo das Licht reinkommt») ist optimistisch, ohne dabei naiv oder zynisch zu klingen. Jason Gray: «Wenn man durch etwas Schwieriges geht, tut es einem gut, wenn Freunde kommen und fragen, wie es einem geht. Doch nach einiger Zeit wird es mühsam, das gleiche immer und immer wieder zu erzählen.» Und so sei es ihm auch beim Verfassen der neuen Werke gegangen. «Zwar trauerte ich immer noch tief, doch ich musste andere Themen finden, die Hoffnung bieten und die leichter sind.»

Er erzählt auch, wie ihn ein Zitat von Elizabeth Kubler-Ross inspiriert, das lautet: «Wenn du deine Lektion lernst, geht der Schmerz weg.» Wenn er zurücksieht, kann er auch schon jetzt Gründe entdecken, dankbar zu sein – dafür, wohin es sie führte, was es aus ihnen machte und was es sie lehrte. «Unser Schmerz, Verlust und Versagen sind unsere wichtigsten Lehrer, denke ich. Wie lernen wir zu vergeben, wenn wir nicht von jemandem verletzt werden? Wie lernen wir Mut, wenn wir nicht mit Angst konfrontiert werden? Wie können wir lernen, Gnade anzunehmen, wenn wir nicht erst erkennen, dass wir sie unbedingt brauchen?»

Ein weiteres Zitat von Richard Rohr laute: «Wenn wir nicht von Schmerz verändert werden, werden wir ihn weitergeben.» Jason Gray: «Ich will verändert werden und ich habe bereits begonnen, dankbar für die schmerzvollen Lektionen zu sein, die mich erneuern.»

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