Vom Flüchtling zum Helfer – «In der Not habe ich Gott richtig gut kennengelernt»

Livenet-Redaktor Hauke Burgarth erlebte bei einem Hilfseinsatz im Irak live viel Eindrückliches. Unter anderem sah er die fliessenden Grenzen zwischen Hilfsempfängern und Helfern.

Livenet-Redaktor Hauke Burgarth erlebte bei einem Hilfseinsatz im Irak live viel Eindrückliches. Unter anderem sah er die fliessenden Grenzen zwischen Hilfsempfängern und Helfern wie bei Dr. Kassab Yousef, der zwar selbst vertrieben wurde, sich aber längst vollzeitig für Menschen auf der Flucht einsetzt.

Als wir Dr. Kassab Yousef (Name geändert) treffen, hat er sein Mobiltelefon am Ohr. Entschuldigend sagt er: «Ich bin wie ein Taxiunternehmer. Jeder hat irgendwoher meine Nummer…» Kurz klärt er etwas mit dem Anrufer ab und ist dann für uns da. Wir besuchen ihn als Team des Hilfswerkes GAiN. Am Vormittag haben wir Hilfsgüter gepackt, die wir zusammen mit ihm verteilen wollen: Knapp 500 Kinder in vier Lagern sollen jeweils Pudding, Babynahrung, Müsli und Windeln erhalten.

Ein Tierarzt auf der Flucht

Die erste Verteilaktion findet in einem Flüchtlingslager der besonderen Art statt. Es befindet sich über der «Bazar International Shopping Mall» mitten in der Innenstadt von Erbil, in unmittelbarer Nähe zur historischen Zitadelle. Die Verteilung der Hilfsgüter ist gut organisiert. Jede Familie mit Kleinkindern steht auf einer Liste, wird aufgerufen und erhält ihr Paket. Dabei hat Kassab für jeden ein freundliches Wort. Er kennt sie alle, denn er ist der Verwalter dieser Flüchtlingsunterkunft und gleichzeitig selbst ein Bewohner – als Vertriebener im eigenen Land.

Kassab ist eine auffällige Erscheinung. Sein Schädel ist kahlrasiert, sein Gesicht kantig, sein Lächeln breit, er ist definitiv einer der Menschen, die man bemerkt, wenn sie den Raum betreten. Früher war er Veterinär in Karakosch, einer kleinen christlich geprägten Stadt im kurdischen Norden des Irak. Dort hatte er eine gutgehende Praxis. In der Gegend gab es viele Tiere und die Bauern waren wohlhabend, also ging es ihm auch gut. Doch vor zwei Jahren übernahm der IS die Herrschaft in der Stadt, Kassab verlor alles und floh mit seiner Familie genauso wie seine Nachbarn. Mittellos landeten sie in Erbil und dort zunächst in einer provisorischen Flüchtlingsunterkunft. Die Shopping Mall war noch im Bau und die Stockwerke über dem Einkaufszentrum standen leer. Hier fanden sie schliesslich eine Bleibe – bis heute.

Ein Unternehmer unternimmt etwas

Zwei Erfahrungen bestimmen das Leben von Kassab in der nächsten Zeit: Zum einen begegnet er Christen, die ihn dazu herausfordern, trotz aller durchlebten Schwierigkeiten mit Jesus zu leben. «Nominell war ich schon immer Christ», lacht er, «doch das hatte keine Auswirkungen auf mein Leben. Das ist heute anders. In der Not habe ich Gott richtig gut kennengelernt. Und ich lade auch andere ein, ihm zu vertrauen.» Zum anderen begreift er, was es bedeutet, ein Unternehmer zu sein. Denn ein Unternehmer unternimmt etwas. Und es reicht Kassab nicht, für seine eigene Familie zu sorgen. Schnell ist er in näherem Kontakt mit dem christlichen Manager der Shopping Mall und fordert ihn heraus: «Sammle doch keine Schätze hier auf der Erde, sondern lieber im Himmel. Verzichte auf grossen Gewinn und bau die oberen Etagen als Flüchtlingswohnungen aus.» Genau das tut der Manager. Während unten längst Modeläden, Schmuckgeschäfte und Restaurants eröffnet haben, wird in den oberen Stockwerken ein Abschnitt nach dem anderen für Flüchtlinge ausgebaut. Kassab ist einer derjenigen, die sich um die Belegung der Zimmer kümmern. Daneben ist er Ansprechpartner bei Problemen aller Art und organisiert und verteilt Hilfsgüter. Zuständig ist er für 140 Familien in «The Rock», dem Felsen, wie die Unterkunft genannt wird, doch er engagiert sich für wesentlich mehr Menschen.

Es ist faszinierend zu sehen, wie dieser Tierarzt sich nicht nur um sich selbst kümmert, sondern um zahllose Vertriebene. Dr. Kassab ist längst vom Flüchtling zum Helfer geworden. Kein Wunder, dass sein Telefon schon wieder klingelt. Es ist eine unbekannte Nummer. «Ich hab's doch gesagt: Ich bin wie ein Taxiunternehmer. Jeder hat irgendwoher meine Nummer…», entschuldigt er sich kurz und bekommt direkt die nächste Anfrage, ob in «The Rock» noch ein Zimmer frei ist.

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