Vom Vater verkauft – «Ich überlebte immer nur bis zum nächsten Moment»

«Manchmal war es ein Wunder, dass ich es in den nächsten Tag hinein schaffte», erinnert sich Christine (Name geändert). Schon als sie noch sehr jung war, wurde sie Männern für sexuelle Dienste angeboten – durch ihren eigenen Vater!

«Manchmal war es ein Wunder, dass ich es in den nächsten Tag hinein schaffte», erinnert sich Christine (Name geändert). Schon als sie noch sehr jung war, wurde sie Männern für sexuelle Dienste angeboten – durch ihren eigenen Vater! Sie dachte, dass sie völlig wertlos sei. Heute setzt sie sich für Personen ein, die Opfer von Menschenhandel wurden.

«Ich wurde in eine Familie hineingeboren, in der ich schon in sehr jungen Jahren missbraucht wurde. Ich wusste nicht, was eine 'normale' Kindheit ist», erinnert sich Christine. «Nie erlebte ich ein Fest, Ferien oder Freundschaft.» Sie kannte nur ein Leben voller Schmerz als ein ausgenutztes Mädchen, dem Tortur und Ausnutzung widerfuhren.

Früh lernte sie, dass sie nicht «Nein» zu ihrem Vater zu sagen hat, wenn sie nicht misshandelt werden wollte. «Das erste Mal, als er mich nachts aus dem Haus nahm, um mich für sexuelle Dienste an eine Gruppe Männer zu verkaufen, war ich sehr jung.»

Gefangen hinter psychischen Schranken

Im Haus habe es keine physischen Gitter gegeben, hinter denen sie eingesperrt war – doch da waren unsichtbare Schranken, hinter denen sie gefangen war. «Ich war eine Gefangene; mir war klar, dass ich geschlagen oder getötet würde, wenn ich nicht tat, wie mir geheissen war.»

Mit zunehmendem Alter wurde der Missbrauch schlimmer. «Kurz gesagt, ich war seine Sklavin. Ich dachte, mein Wert sei einfach nur, als Sexobjekt verkauft zu werden. Mein Vater sagte immer wieder, dass ich dazu geschaffen worden war, seine Sklavin zu sein. Das war in mich hineingraviert. Ich hatte keinen anderen Zweck, als ihm zu dienen.»

Nur bis zum nächsten Moment überlebt

Dieses Trauma erschwerte es ihr, in der Schule gute Leistungen zu erbringen. «Das Resultat war, dass bei mir eine Lernstörung diagnostiziert wurde. Deshalb dachte ich, dass ich nichts lernen kann und kaum etwas aus eigener Kraft tun kann.» Ihr Leben sah hoffnungslos aus. «Ich dachte nicht, dass mich jemand wollen würde oder sich um mich kümmern würde, ausser um mich sexuell auszunutzen.»

Unterstützung aus der Familie erlebte sie keine. Jene, die sie hätten beschützen müssen, waren jene, die sie feilboten. «Ich überlebte immer nur von einem Moment bis zum nächsten. Manchmal war es ein Wunder, dass ich es in den nächsten Tag hinein schaffte.»

Lohnt es sich, um das Leben zu kämpfen?

In vielen Nächten war sie in Gefahr. «Ich wunderte mich, wie es gelungen war, dass ich am kommenden Morgen noch lebte. Oft fühlte ich mich wertlos und fragte mich, ob es überhaupt einen Wert hat, den nächsten Morgen zu erleben.»

Schliesslich gelang es Christine zu entkommen. Der Schmerz im Herz blieb jedoch. «Eines Tages hörte ich auf einem Musikfestival von Gott, der sich um mich kümmern würde. Und ich realisierte, dass ich innerlich zutiefst leer war.» Als sie heimkam, betete sie. Und Gott erhörte ihr Schreien. Der anschliessende Weg der Veränderung war lang, berichtet Christine, «doch es lohnte sich, diesen Weg zu gehen.»

Liebe gefunden

Lange war für sie unklar, ob jemand sie lieben und sich um sie kümmern würde. Doch sie lernte Christinnen kennen, bei denen sie echte Annahme fand. «Sie begegneten mir mit solcher Liebe, dass mein Herz sanfter wurde. Mit der Zeit erkannte ich, dass es Menschen gibt, die mich lieben – und dass auch Gott mich liebt.»

Sie spürte, dass sie Liebe und Hilfe erfuhr und dass sie einen Wert hat, ungeachtet dessen, was sie durchleben musste. «Heute weiss ich, dass ich nicht mehr länger allein bin und dass da eine Gemeinschaft ist, die mich versteht.»

Inzwischen konnte Christine einen Master-Abschluss in interkulturellen Studien abschliessen, darunter in der Fachrichtung «Gefährdete Kinder».

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