Eine Frau lernt vergeben – «Ich traf den Mann, der meine Familie ermordet hat»

Der Völkermord in Ruanda liegt bereits Jahrzehnte zurück. Doch die Spuren sind bis heute sichtbar. 1'000'000 Tote lassen sich eben nicht einfach beiseite wischen. Vor diesem Hintergrund sind Reaktionen wie die von Immaculée Ilibagiza ...

Der Völkermord in Ruanda liegt bereits Jahrzehnte zurück. Doch die Spuren sind bis heute sichtbar. 1'000'000 Tote lassen sich eben nicht einfach beiseite wischen. Vor diesem Hintergrund sind Reaktionen wie die von Immaculée Ilibagiza sehr stark, die dem Mörder ihrer Familie begegnet – und ihm vergibt.Immaculée Ilibagiza (45) verfasste bereits mehrere Bücher über ihre Geschichte. In einem Interview erzählte sie von ihrem Weg zur Vergebung.

«Ich wusste nicht, dass ich eine Tutsi war»

Wer heute nach Ruanda reist, bekommt oft als Reisetipp: «Frag nur nicht nach der Stammeszugehörigkeit. Und auch nicht nach dem Völkermord.» Immaculée Ilibagiza lächelt, wenn sie so etwas hört. Sie spricht über ihre Geschichte, macht klar, dass sie eine Tutsi ist und damit zu der Volksgruppe gehört, die von der Minderheit der Hutu fast ausgelöscht wurde. Allerdings war ihr diese Zugehörigkeit früher gar nicht bewusst. Sie war eine junge Frau, als 1994 Präsident Habyarimana ermordet wurde und danach die systematische Jagd auf Tutsi begann. Ihr Vater konnte sie bei einem befreundeten Pastor unterbringen. Dort versteckte sie sich 91 Tage lang mit sieben anderen Frauen in einer winzig kleinen Toilette. Die Geschichte ihrer Vergebung beginnt hier, zusammengepfercht mit anderen Frauen, beim Beten des Vaterunsers.

Alles begann mit der Entmenschlichung

Als die Hutu-Milizen um die Häuser zogen und alle Tutsi umbrachten, die sie finden konnten, war der Tiefpunkt einer langen Geschichte erreicht. Letztlich möglich wurde das Umbringen dadurch, dass andere Menschen zu Feinden, ja zu nichtmenschlichen Wesen erklärt wurden. Ilibagiza beschrieb: «Wie steht man morgens auf, wenn man jemanden umbringen möchte? Wie bringt man einen anderen Menschen um?» Jahre vor dem Genozid änderte sich das Reden über die anderen. Es ging damit los, dass behauptet wurde: «Eines Tages werden wir sie umbringen, denn die Tutsi sind keine Menschen … Sie haben Schwänze und Hörner.» Lächerlich? Ja, aber wirksam.

«Beten war das einzige, was ich tun konnte»

Im Rückblick auf ihre Zeit im Versteck erklärt Ilibagiza: «Ich bin so dankbar, dass meine Eltern uns das Beten beibrachten. Während des gesamten Völkermordes habe ich gebetet. Manchmal fehlten mir vor Angst die Worte. Da konnte ich nur sagen: 'Vater unser im Himmel … ich sterbe, sie kommen!'» Sie hatte Todesangst. Trotzdem war sie sich immer wieder Gottes Gegenwart bewusst.

«Ich wollte nicht vergeben»

In die Panik von Ilibagiza mischte sich bald der Gedanke: «Ich will Rache.» Sie begann dafür zu trainieren, um sich in Form zu bringen. Sie wollte Bomben legen und dadurch zur Heldin werden. Was tatsächlich geschah, war etwas ganz anderes: Sie wurde krank vor Hass. Trotzdem betete sie weiterhin ihr Vaterunser. Einerseits stellte sie es nicht in Frage – immerhin waren es die Worte von Jesus –, andererseits wusste sie genau: Das würde bedeuten, zu vergeben. Und das konnte sie nicht. Das wollte sie nicht. Einmal betete Ilibagiza: «Ich kann nicht vergeben. Was soll ich denn machen?» Da hatte sie den Eindruck, als ob Gott sagte: «Bete von ganzem Herzen. Und meine, was du sagst.» Statt aufzugeben, machte sie ihre Hilflosigkeit zum Gebet. Und eines Tages, eingezwängt in der Toilette, Hutusoldaten vor dem Fenster patroullierend, betete sie zu ihrer eigenen Überraschung: «Vergib ihnen, Vater, denn sie wissen nicht, was sie tun.»

«Meine Bitterkeit wurde zu Freude»

Im gleichen Moment waren ihre Wut und die Bitterkeit verschwunden. Wenn sie in der nächsten Zeit immer wieder den Eindruck hatte, ihren Feinden doch nicht vergeben zu können, dann machte sie sich klar: «Wieso sollte ich etwas tun, was ich gar nicht möchte? Ich mag nicht, was sie getan haben, aber ich möchte auf keinen Fall tun, was sie getan haben. Ich war dabei, zurückzuhassen, so wie sie mich hassten.»

Ein wichtiges Ereignis war ihr Besuch im Gefängnis. Viele Leidensgenossen erklärten Ilibagiza nach dem Ende des Völkermordes, dass sie nicht vergeben könnten, jedenfalls nicht so schnell. Sie fragte sich dabei, wie tragfähig ihre eigene vergebende Haltung wäre und besuchte den Mann im Gefängnis, der für den Tod ihrer ganzen Familie verantwortlich war. Als er – ein ehemaliger Freund der Familie – hereingebracht wurde, weinte sie über seinen schlechten Zustand. Und Immaculée Ilibagiza sprach ihm Gottes Vergebung zu, sagte ihm, dass sie nicht mehr zornig auf ihn war. Es war, als ob Jesus dabei zu ihr sprach: «Das ist das, was ich dir gesagt habe. Sie wissen nicht, was sie tun…»

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