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Vater und Sohn (Symbolbild)

Mobbing - was tun? – «Ich habe Angst, in die Schule zu gehen»

Tim erlebt Gewalt und Mobbing in der Schule. Sein Vater schildert seine Wut und Hilflosigkeit und beschreibt, was Tim geholfen hat.

Als mein Sohn Tim (10, Name geändert) nach Hause kam, merkte ich sofort, dass etwas nicht stimmte. Er war völlig verstört und verängstigt und unterdrückte das Weinen. Nachdem er, ohne ein Wort zu sagen, gegessen hatte, fragte ich ihn, was los sei. Erst kam die Antwort: «Nichts! Lass mich!» Da ich mit Tim aber ein enges Vater-Sohn-Verhältnis habe, konnte ich gut auf ihn einwirken. Schliesslich platzte es aus ihm heraus: «Der eine Junge aus meiner Klasse kam auf mich zu, sagte etwas, was ich nicht verstand. Dann schlug er mir mit der flachen Hand mitten ins Gesicht und schubste mich rum.» Während Tim das erzählte, brach er in Tränen aus. Er konnte sich nicht beruhigen. Das mit anzusehen, machte mich traurig und wütend zugleich. Die Situation katapultierte mich in meine eigene Schulzeit zurück, in der ich massives Mobbing erlebt hatte.

Bei Tim wurde es täglich schlimmer. Er wurde geschubst und auf den Po geschlagen, und der andere Junge versuchte, seinen Penis anzufassen. Dazu kamen verbale Angriffe von «Du bist ein Hurensohn» bis «F... deine Mutter, du Schwein». Das alles lief ein Jahr lang. Tim hatte heftige Gefühlsausbrüche und enorme Einschlafprobleme. Immer wieder sagte er: «Ich habe Angst, in die Schule zu gehen.» Das alles festigte sich so sehr in seiner Seele, dass er anfing zu glauben, er sei dumm und wäre selbst schuld, dass dies alles mit ihm passierte.

Oft sprachlos

Wir hatten uns zu Beginn sofort mit seinen Klassenlehrern in Verbindung gesetzt, die Situation geschildert und gefragt, ob etwas in der Klasse gesehen worden war. Die Klassenlehrer wollten wissen: «Was könnte Tim helfen, dass er sich sicherer in der Schule fühlt und wieder ohne Angst zur Schule kommt?» Es wurden Vorschläge zur Pausenregelung gemacht, zum Beispiel, dass immer ein Lehrer in den Pausen im Klassenraum anwesend ist.

Wir sind dankbar, dass Tim sich uns vom ersten Tag an anvertraut hat und uns von den Vorfällen und seinen Ängsten erzählt hat. Wir Eltern waren oft sprachlos. Aber es hat ihm gutgetan, dass wir zuhörten, mitfühlten und für ihn beteten. Er konnte seine Sorgen bei uns abladen, auch wenn wir nicht immer sofort eine Lösung hatten.

Was Tim an dieser Schule erleben musste, veränderte ihn sehr. Wir machten uns grosse Sorgen, dass er eine Schulangst entwickeln könnte. Wir brauchten dringend Rat, was die nächsten Schritte sein könnten. Meine Frau bekam einen einmaligen Gesprächstermin bei einem Kinderpsychologen. Es war ein gutes, hilfreiches und wegweisendes Gespräch. Nachdem sich die Situation im neuen Jahr weiter verschärft hatte, suchten wir intensiv nach professioneller Hilfe. Schliesslich fanden wir durch Beziehungen und viel Gebet einen Kinderpsychologen, den Tim regelmässig aufsuchen konnte.

Bald wieder frei

Was Tim geholfen hat: Zu Beginn des Schuljahres hatte er mit Vereinssport angefangen. Das war etwas, worauf er sich am Nachmittag freuen konnte. Die Gemeinschaft im Verein hat ihn am deutlichsten durch dieses Mobbingjahr geführt und in seiner Person gestärkt. Von Anfang an bekam er dort Zuspruch. Nach ein paar Monaten sprachen uns die Trainer an, ob wir uns nicht überlegen wollten, Tim auf eine Sportschule zu schicken. Er sei ein Naturtalent in diesem Sport. Dieser Gedanke war für uns ein Gottesgeschenk. Wir besprachen mit Tim, ob er sich das vorstellen könne. Wir erklärten ihm, dass diese Entscheidung sein Leben langfristig verändern würde. Nach einigen Gesprächen und Gebeten entschied er sich mit uns zusammen, diesen Schritt zu gehen. Wir füllten die Anträge aus und hofften und beteten für diesen Schulplatz. Eine Woche später lag ein Brief in der Post: Tim hatte den Platz bekommen.

Als ich Tim den Brief zeigte, brach er vor Freude in Tränen aus: «Dann bin ich bald wieder frei!», sagte er. Einerseits freute mich diese Aussage, andererseits merkte ich wieder einmal, wie schlimm das Mobbing für ihn war. Aber nun hatte er einen Strohalm, an den er sich klammern konnte. Zu wissen, dass es bald vorbei sein würde und dass er dann seinen Sport, den er liebte, intensiv betreiben konnte, half ihm sehr.

Wir zählten die Tage. Wir erstellten einen Abstreichkalender, auf dem Tim sehen konnte, wie die Tage weniger wurden, an denen er zu der Schule gehen musste, wo ihm so Schlimmes angetan wurde. Das half ihm sehr durch diese Zeit, ebenso wie die Therapiestunden alle 14 Tage und die Gespräche mit uns Eltern. Wir beteten regelmässig für ihn und dafür, dass die Tage in der Schule so friedlich wie möglich verliefen.

Jede Minute zählt

Hilfreich war, dass Tim für Neues immer offen ist. Ich bin in der christlichen Männerbewegung aktiv und habe dabei vieles gelernt, was ich an Erwachsene weitergebe. Dies ermöglichte es mir, auch Tim zu helfen: Ich konnte ihn zu dem «geheimen inneren Ort» (ein imaginärer Ort) führen, den man sich so erschafft, dass man sich dort wohl und sicher fühlt. Als Christen können wir dorthin auch Jesus oder Gott einladen und uns heilen und stärken lassen. Darauf konnte sich Tim einlassen. Es half ihm in den letzten Wochen an der alten Schule. Er nutzte diese Methode auch, um die Nervosität vor sportlichen Wettkämpfen oder schulischen Dingen zu mildern.

Es gab einiges, das wir Eltern für Tim tun konnten, aber es diente nur dazu, die Situation zu lindern und über die Zeit zu kommen. Wir hätten uns deutlich mehr Unterstützung von der Schule gewünscht. Wir fühlten uns alleingelassen. Was wir anderen Eltern weitergeben können, ist der Tipp, nicht zu lange zu warten, bevor man reagiert. In einer solchen Situation zählt für das Kind «jede Minute». Sich externe Hilfe zu holen, ist sinnvoll. Im Nachhinein betrachtet hätten wir konsequenter Schritte einleiten müssen, aber als wir in der Situation steckten, haben wir vieles nicht gesehen.

An Tims alter Schule soll es in diesem Jahr eine Veranstaltung zu Gewalt und Mobbing geben. Wir wünschen uns, dass die Kinder und die Lehrerinnen und Lehrer etwas verstehen und ins Umdenken kommen. Stand jetzt war der Schulwechsel das Beste, was wir für unseren Tim tun konnten. Er ist wie ausgewechselt und strahlt eine grosse Lebensfreude aus – das ist schön zu erleben!

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