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Timothy Cho

Flucht aus Nordkorea – «Ich erhielt eine Bibel von einem Gangster»

Timothy Cho ist einer von denen, die aus Nordkorea fliehen konnten. In einem Gefängnis in China erlebte er einen Gott, von dem er absolut keine Ahnung hatte.

Timothys Geschichte ist ein Albtraum. Als er neun Jahre alt war, flohen seine Eltern vor der Hungersnot in Nordkorea und liessen ihn allein zurück. «Ich war ein Grundschüler, als das passierte, und plötzlich war ich von allem ausgeschlossen», erzählt er. «In Nordkorea gibt es ein generationenübergreifendes Bestrafungssystem: Weil mein Vater das Land verraten hatte, gehörte ich als sein Kind plötzlich zur feindlichen Klasse.» Teil der Strafe war, dass Timothy nicht zur Schule gehen durfte und auch sonst diskriminiert wurde. Seine Hoffnung, zum Militär gehen zu können, zerschlug sich aus demselben Grund. «Ich hatte das Gefühl, zweimal im Stich gelassen worden zu sein: einmal von meinen eigenen Eltern und einmal von meiner eigenen Regierung.»

Ihm gelang die Flucht nach China, wo er zum ersten Mal Menschen sah, die schöne Kleider trugen und genug zu essen hatten. An der mongolischen Grenze wurde er aufgegriffen und zurückgeschickt, aber von da an wusste er, dass es nicht stimmte, was man ihm zu Hause erzählt hatte: dass Nordkorea das beste Land der Welt sei und dass seine Führer die Grössten seien.

«Einfach Amen dranhängen»

Etwas später floh er zum zweiten Mal und landete in Shanghai, wo er aufgegriffen wurde und ins Gefängnis kam. «Das war hart», erinnert er sich heute. «Eine zweite Rückführung bedeutete, dass ich damit rechnen musste, in einem Gefangenenlager zu landen oder öffentlich hingerichtet zu werden, vor allem, weil ich zu den Amerikanern wollte, dem grössten Propagandafeind Nordkoreas.» Es war sehr dunkel in der Zelle. Vor Angst kniete er sich auf den Gefängnisboden: «Ich flehte jemanden an, von dem ich nicht einmal wusste, dass er Gott heisst, mir zu helfen. Ich kniete vor ihm auf dem Zellenboden, weil ich nicht getötet werden wollte.»

Ein Mitgefangener, ein Gangster, hatte ihm erklärt, wie man betet: «Du musst einfach sagen, was du dir wünschst, und am Schluss eines jeden Satzes Amen dranhängen.» Genau das tat er. «Immer, wenn ich betete, war ich voller Tränen», erzählt er heute. «Ich sagte: 'Gott, wenn es dich wirklich gibt, hol mich hier raus.'» Der Mitgefangene hatte auch eine Bibel, die er Timothy zum Lesen gab. «Sie war schwer zu verstehen, aber irgendwo las ich, dass Jesus uns nicht als Waisen zurücklassen will – und genau das war ich ja. Das gab mir Hoffnung.» Dieser keimhafte Glaube hielt ihn in seiner Angst am Leben, erklärt er heute.

Der Weg in die Freiheit

Seine stammelnden Gebete wurden erhört. «Zwei Monate später besuchten mich zwei Männer und halfen mir, in Freiheit zu kommen.» Er wurde nicht nach Nordkorea zurückgeschickt, sondern konnte über die Philippinen nach England ausreisen. Dort kam er in Kontakt mit einer Kirche, was ihm bei der Integration sehr half: «Ich schenkte Tee aus, und immer, wenn ich jemandem eine Tasse Tee gab, mussten sie mir ein Wort sagen, das ich dann lernte.»

So lernte er die Sprache, fand Arbeit, konnte studieren und sich langsam ein neues Leben aufbauen, auch wenn es hart war. Aber seinen Glauben hat er nicht vergessen. «Seit dieser Zeit im Gefängnis folge ich Gott. Er ist der Einzige, der mich nicht verlassen hat», sagt er heute. «Er ist der Einzige, zu dem ich schreien kann, wenn Flashbacks kommen.»

Ein wichtiger Teil seiner Heilung war Vergebung, wie er im Gespräch mit Livenet erklärt. «Finsternis und Hass hatten mich immer verfolgt, ich wusste nicht, wer ich war.» In einem christlichen Heilungszentrum lernte er, zuerst seinen Eltern und dann seinen früheren Peinigern zu vergeben. «Wenn die Bilder und die Erinnerungen immer wieder hochkommen, gehe ich immer wieder zu Gott. Ohne Glauben hätte ich gar keine Hoffnung.»

Menschrechtsanwalt und Open-Doors-Sprecher

Heute liest Timothy Cho täglich in der Bibel und folgt Jesus nach. «Das Glück, das ich gefunden habe, meine Freiheit und meine Familie … alles das kam durch den Glauben. Ohne Gott hätte ich das nicht bekommen. Ich bin ein anderer Mensch geworden.»
 
Timothy Cho tritt heute als Menschenrechtsanwalt und Sprecher von Open Doors UK an Konferenzen und Kongressen auf. In den Jahren 2021 und 2022 kandidierte er für die englischen Kommunalwahlen in Manchester und ist Mitglied der parteiübergreifenden parlamentarischen Arbeitsgruppe zu Nordkorea. Vor ein paar Tagen wurde sein zweites Kind, ein Sohn, geboren.

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