Sterbebegleitung – «Ich arbeite gerne im Sterbehospiz»

Dass sie einmal in einem Hospiz arbeiten würde, hätte Marlies Roth aus Schlieren nie gedacht. Heute begleitet sie Sterbende auf ihrer letzten Wegstrecke und erachtet dies als Privileg.

Dass sie einmal in einem Hospiz arbeiten würde, hätte Marlies Roth aus Schlieren nie gedacht. Heute begleitet sie Sterbende auf ihrer letzten Wegstrecke und erachtet dies als Privileg.Als Zehnjährige wurde Marlies Roth erstmals mit dem Tod konfrontiert. Ihr Vater nahm sich im Schlafzimmer das Leben; ihr riss das den Boden unter den Füssen weg. Marlies wurde rebellisch, mit dem neuen Partner der Mutter kam sie nicht klar. Schliesslich wurde sie in einem Heim untergebracht. Marlies vermisste ihren Vater. Irgendwann beschloss sie, sich durch Drogenkonsum ebenfalls umzubringen, um ihm wieder nahe zu sein. Doch soweit kam es nicht.

Ihre Schwester hatte zu einem lebendigen Glauben an Jesus Christus gefunden und lud Marlies in ihre Kirche ein. Mit 18 Jahren tat Marlies den gleichen Glaubensschritt. Sie blühte auf, wollte leben, erkannte wieder einen Sinn. Mit zwanzig Jahren heiratete sie. Elf Monate später gebar sie einen Sohn, zwei weitere Kinder folgten. Das Paar verspürte den Ruf in einen vollzeitlichen christlichen Dienst, und ihr Mann begann eine theologische Ausbildung.

Neues Denken lernen

Marlies hatte mit professioneller Hilfe an ihren Lebensmustern und den Strategien, auf Krisen zu reagieren, gearbeitet. Trotzdem erkrankte sie psychisch. In einer schweren Depression keimte in ihr der Wunsch, das Leben zu beenden. Dank Seelsorge und erneuter Therapie erkannte sie, dass Suizid keine Lösung ist. Sie lernte, neu zu denken, bessere Strategien anzuwenden. An Frühstückstreffen für Frauen erzählte sie in grosser Offenheit aus ihrem Leben, auch wie sie die Hilfe Gottes, das Getragenwerden durch ihn, erlebt hatte.

Der nächste Schlag

Marlies Roth engagierte sich in einer Chrischona-Gemeinde, wo sie moderierte und die Anbetungsgruppe leitete. Dann der nächste Schock! Vor 16 Jahren wurde sie von ihrem Mann verlassen. Es folgte eine Zeit der Verarbeitung und Trauer. Mit dieser Erfahrung half sie mit, Workshops für Geschiedene zu gestalten. Auch begann sie, in einem Pflegezentrum zu arbeiten. Schliesslich machte sie die Ausbildung zur Fachfrau Gesundheit.

Begleitung auf der letzten Wegstrecke

Seit drei Jahren arbeitet die heute 53-Jährige in einem Hospiz, wo sie vor allem Krebspatienten auf ihrer letzten Strecke begleitet. «Es beeindruckt mich, wie liebevoll und mit grossem Engagement hier mit den Bewohnern umgegangen wird», erzählt Marlies. Angehörige oder Freunde seien im Hospiz willkommen, dürften sich einbringen und ihren Lieben auch einmal etwas Aussergewöhnliches ermöglichen. Marlies Roth: «Einmal bestellten zehn Freunde Pizzas, die sie gemeinsam mit dem schwerkranken 28-jährigen Freund im Garten assen. Zwei der Männer übernachteten anschliessend bei ihm, und als er starb, flossen Tränen».

«Ich habe einen guten Hirten»

Solches zu erleben, berührt Marlies Roth. Sie setzt alles dafür ein, um die Situation von Todkranken etwas erträglicher zu gestalteten. Achtsam mit Menschen umzugehen, das schenkt der sanften Frau mit dem Lockenkopf tiefe Erfüllung. Von jedem Verstorbenen wird mit einem Ritual Abschied genommen. So lösen sich die Pflegefachpersonen im Hospiz von ihm. Das gelingt nicht immer gleich gut. Marlies Roth erklärt: «Ich bin sehr froh, habe ich einen guten Hirten und meinen Mann. Bei ihnen kann ich herausfordernde Situationen abladen und darüber reden.» Heute sind ihre Kinder erwachsen, und Marlies lebt mit ihrem zweiten Mann in Deutschland. Sie kann weiterhin Teilzeit im Hospiz arbeiten und so ihre Familie regelmässig treffen. Familie und Freunde sind wertvoll für sie. Und das Wichtigste sei, «einen Heiland zu haben, im Leben und im Sterben».

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