ERF Medien / Fenster zum Sonntag
Simon und Brikena Tanner

Der Verlust eines Kindes – Helimissions-Leiterpaar spricht über schlimmen Schicksalsschlag

Simon Tanner und seine Frau Brikena aus Trogen weilen in den Ferien, als das Unfassbare geschieht: Ihre Tochter Deborah verunfallt tödlich. Die Eltern engagieren sich für die Helimission, helfen Notleidenden. Und verlieren nun eine ihrer Töchter…

Simon Tanner war als junger Mann Basisleiter der Helimission in Albanien. Heute ist er noch immer Helipilot, dazu CEO des internationalen Hilfswerks, dessen Basis sich in Trogen befindet. Damals fuhr er jedoch Lastwagen, holte Bewilligungen ein, um in Zusammenarbeit mit Regierungsvertretern Hilfsgüter zu Bedürftigen zu bringen.

Sein Vater Ernst hat vor 50 Jahren die Helimission gegründet. Er predigte jeweils vor Einheimischen. «Wir machen die Hilfslieferungen nicht davon abhängig, ob wir auch das Evangelium verkünden können – wo Not herrscht, hilft man einfach!», erklärt Simon im Beitrag der Sendung «Fenster zum Sonntag». Wenn jedoch nach der Motivation gefragt werde, erzählen sie von der Liebe Gottes, die sie praktisch umsetzen wollen.

«Wie übersetze ich das?»

Brikena, eine junge Albanerin, übersetzte Ernst Tanner bei den Einsätzen. «Ich bin atheistisch aufgewachsen», erzählt sie im Rückblick. «Gewisse Ausdrücke kannte ich gar nicht – ich fragte mich: Wie sagt man ‘Praise the Lord’ oder ‘Halleluja’ auf Albanisch?» Aber der Inhalt der Predigten und der engagierte Einsatz für Menschen in Not überzeugten sie. Heute ist sie Simons Ehefrau und überzeugte Christin. Die beiden haben zwei Töchter und einen Sohn.

Grosse Gegensätze

«Im Norden von Albanien leben sehr arme Menschen», erinnert sich Brikena. «Ich war anfangs der 90er Jahre schockiert, in meiner Heimat solche Not vorzufinden.» In der Hauptstadt Tirana aufgewachsen, sah sie in der Bergregion Kinder, die barfuss im Schnee standen. Damals war sie sehr stolz auf die Helimission: «Wir konnten einen Unterschied machen! Die Kinder vergessen sicher nie, dass jemand ihnen Schuhe gebracht hat.»

Simon erklärt: «Wem geholfen wird, entscheidet das Team zusammen mit den Mitarbeitenden vor Ort.» Es gibt in verschiedenen Ländern Basisstationen der Helimission, die kontaktiert werden, wenn sich in der Region eine Katastrophe ereignet hat. So flogen zum Beispiel nach dem Erdbeben in Haiti Piloten mit gemieteten Helikoptern von Florida aus in das Katastrophengebiet. «Wir fragen Gott im Gebet, wo wir uns einsetzen sollen.» Er zitiert einen Bibelvers: «Jesus hat gesagt: ‘Was ihr einem meiner Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan.’» Davon lassen sich die Mitarbeitenden leiten.

Das Unfassbare geschieht

«Im Frühling 2021 wollten wir für drei Tage nach Davos, um auszuspannen, und verabschiedeten uns von unseren Kindern. Nie hätten wir gedacht, dass wir Deborah nicht mehr lebend antreffen würden…», erinnert sich Brikena Tanner. Ihre 18-jährige Tochter hatte ein paar Kolleginnen aus der Schule eingeladen. Als sich eine Freundin spätabends verabschiedete, lud sie Deborah ein, eine kurze Spritzfahrt mit ihrem eleganten BMW zu unternehmen. Doch die Fahrerin war ortsunkundig, verfehlte die Kurve und die beiden jungen Frauen stürzten mit dem Auto in eine Schlucht. Deborahs Bruder war als erster vor Ort, 700 m von Zuhause entfernt. Seine Schwester überlebte den Unfall nicht, die Kollegin kam mit einer kleinen Schramme am Knie davon.

Störung in der Nacht

«Als zwei Polizisten um halb vier Uhr morgens vor unserer Tür standen, wussten wir: Es ist etwas Schlimmes geschehen.» Das Ehepaar erfuhr vom Tod ihrer Tochter und kehrte nach Hause zurück. «Am Anfang funktioniert man einfach, organisiert die Beerdigung.» Es war Corona-Zeit, sie mussten eine Trauerkarte verfassen, durften nur 50 Leute in die Kirche einladen… Simon funktionierte, organisierte – Brikena ist heute noch sehr dankbar, dass er das konnte, auch Deborahs Schwester half mit.

«Für die Trauer hatte ich am Anfang gar keine Zeit», gibt Simon zu. Später errichtete er eine Gedenkstätte an der Unfallstelle. Die Leute aus dem Dorf, ihre Freunde sollen sich dort an Deborah erinnern können. Nun steht ein Vogelhäuschen da, mit Bildern der Verstorbenen. Ihr Vater geht fast jeden Abend hin, zündet eine Kerze an. Auch andere schätzen diesen Ort. 

Versöhnt

Brikena ist dankbar, dass keine Differenzen zu ihrer jüngeren Tochter bestanden. «Sie war für uns alle wie eine beste Freundin, mit ihr konnte man nicht streiten.» Sie waren versöhnt miteinander, als Deborah starb. Das Ehepaar bereut nichts, es habe Zeit und Finanzen so eingesetzt, dass die Familie gestärkt worden sei. Dennoch sei es nicht normal, dass Eltern am Grab eines Kindes stehen, der Schmerz begleitet sie seither.

Nicht wegsehen

Bis heute seien Freunde für sie da, ohne sie zu belehren, wie ihre Trauer auszusehen oder wie lange sie zu dauern habe. «Sie sind einfach da, das reicht.» Hilfreich waren Menschen, die praktisch mitanpackten. Eine Freundin sei anfangs jeden Tag gekommen, habe gekocht und geholfen, Gäste zu betreuen. «Abends ging sie wieder heim, aber sie war wochenlang jeden Tag da, stand uns bei.»

Ein sorgfältiger und sanfter Umgang mit Trauernden sei wichtig, sagt Brikena. Jedes Familienmitglied trauere anders, das sei in Ordnung und müsse akzeptiert werden. So geht sie kaum zur Gedenkstätte.

Nicht so hilfreich

Der Tod macht Menschen ohnmächtig, viele wissen nicht, wie reagieren. Was nicht helfe, sei der Satz: «Ich verstehe, wie es dir geht.» Es sei denn, die Person hätte ebenfalls ein Kind verloren. Auch Vergleiche mit anderen schlimmen Situationen oder Erklärungen, warum der Unfall geschehen sei, helfen nicht. Tröstend gemeinte Worte wie: «Sie ist ja jetzt im Himmel, da geht es ihr gut!» prallten an Trauernden ab. «Es ist ein täglicher Lernprozess, wie man damit leben, damit umgehen kann. Man trägt das mit bis zum Lebensende», hält Brikena fest.  

Viele Ehen zerbrechen daran

Statistiken zeigen: Die Hälfte aller Ehen zerbricht, wenn ein Kind stirbt. In diesem Bewusstsein nahm sich das Paar vor, einander Raum zu geben, zu trauern, aber an der Ehe festzuhalten. «Man soll sich Hilfe holen – daran ist nichts falsch!» Der Therapeut könne aufzeigen, was auf einen zukomme, welche Phasen zum Trauerprozess gehören. Sie arbeiteten als ganze Familie einen Tag lang mit einem Spezialisten. Der Therapeut habe ihnen gesagt, es werde ihnen schlechter und schlechter gehen – aber das sei normal. «Lasst das zu!», habe er geraten. An einer solchen Tragödie nicht zu zerbrechen, sei auch eine Entscheidung, betont Brikena Tanner. «Es war hart, aber hilfreich», sagt Brikena rückblickend. «Er sagte uns, es gebe keine Abkürzung durch die Trauer – wir müssten auf dem Weg bleiben, bis wir spüren: Jetzt wird es leichter.»

Brauchen Sie Hilfe oder einfach ein offenes Ohr? Dann melden Sie sich bei der anonymen Lebenshilfe von Livenet, per Telefonoder E-Mail. Weitere Adressen für Notsituationen finden Sie hier

Zum Video:
Fenster zum Sonntag - Heli-Retter verlieren eigene Tochter

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