Mirjam Fisch-Köhler
Werner und Cornelia Hässig

Aufblühen im Alter – Glücklich zwischen zwei Welten

Unternehmer und Energieingenieur, Ärztin und Familienfrau in einer behaglichen Schweizer Stadt: Das war einmal. Werner und Cornelia Hässig haben ihr bisheriges Leben an den Nagel gehängt, um in der dritten Lebensphase neu durchzustarten.

Für uns ist es schwer vorstellbar, aber in gewissen Kulturen haben Mädchen keine Ahnung davon, was mit ihrem Körper geschieht, wenn sie sich allmählich zur Frau entwickeln. «Einmal sagte mir eine junge Frau, sie hätte gedacht, sie würde sterben, als sie die erste Monatsblutung hatte», sagt Cornelia Hässig.

Gemeinsam mit ihrem Mann Werner, beide gut 60, hat die Ärztin und langjährige Familienfrau vor rund vier Jahren eine neue Lebensaufgabe gefunden. Sie verbringen etwa ein bis zwei Monate pro Jahr in Äthiopien, wo Cornelia in Zusammenarbeit mit lokalen Kirchen und Organisationen einheimische Frauen ausbildet. Diese wiederum klären anschliessend die Mädchen in den Schulen sexualpädagogisch auf. Dazu dient ein auf äthiopische Verhältnisse übertragener, etablierter Kurs aus Deutschland. Aktuell werden die Kursunterlagen in zwei Landessprachen übersetzt.

Nebenher engagiert sich Werner – passend zu seinem beruflichen Hintergrund – als Referent, Berater und Vernetzer im Bereich Solarenergie. Er will auch andere «Jungsenioren» für Einsätze in Äthiopien begeistern. «Viele Menschen in unserem Alter sind noch bei Kräften, haben viel Wissen und Erfahrung und sind finanziell abgesichert», gibt er zu bedenken. Er selbst hat bewusst frühzeitig das Ende seines beruflichen Werdegangs geplant und die eigene Firma einem Nachfolger übergeben. Da seine Frau während der Familienphase beruflich kürzergetreten war, sollte sie sich nun noch einen beruflichen Wunsch erfüllen können.

Das Leben ist zu kurz…

Hätten sie es nicht verdient, das Leben im Pensionsalter und die damit verbundenen Freiheiten einfach zu geniessen? «Das Leben hat uns gelehrt, dass Konsum nicht glücklich macht. Es ist zu kurz, um es 'sinnlos' zu verbringen.» Neues zu lernen, zum Beispiel eine neue Sprache oder interkulturelle Wissensvermittlung, habe ihrem Leben einen neuen Schub verliehen. Ebenso die Konfrontation mit dem sehr einfachen Lebensstil in Äthiopien sowie das Kennenlernen von Menschen aus aller Welt.

zVg
Cornelia Hässig im Gespräch mit einheimischen jungen Frauen

Abgesehen von ihrem eigenen «Aufblühen» freuen sich die Eltern dreier erwachsener Kinder über die Früchte bei den Menschen, in die sie investieren. So berichtet Cornelia von einer einheimischen Ordensfrau, die einen regelrechten Gesinnungswandel durchgemacht und realisiert hat, wie wichtig die Enttabuisierung der Sexualaufklärung für die äthiopische Gesellschaft mit ihrem extremen Bevölkerungswachstum ist. Werner erwähnt einen jungen Äthiopier, dem er beim Start eines eigenen Geschäfts geholfen hat und der ihm zum Dank schreibt: «Werner, du bist mein höchst unerwartetes Geschenk.» Indem sie anderen Menschen eine Freude machen – oder eben ihnen beim Aufblühen helfen – würden sie selbst enorm beschenkt, sind sich die beiden einig.

Gott springt ein

Diese Erfolge sind schön – doch der Start verlief nicht ohne Herausforderungen. Die Pandemie und der Krieg im Norden Äthiopiens verunmöglichten es Werner und Cornelia in den letzten Jahren mehrmals, nach Äthiopien zu reisen. Hinzu kommen kulturelle Aspekte, so zum Beispiel die Schwierigkeit, einheimische Frauen für die Ausbildung zu gewinnen, da diese nur kurzfristig und eher unverbindlich planen. Überhaupt sind das Knüpfen und Aufrechterhalten von Kontakten immer wieder wahre Knacknüsse.

Doch besonders da, wo sie selbst anstehen, nehmen sie umso mehr wahr, wie Gott sie führt. So geschehen, als unerwartet die Anfrage einer Schule kam. Möglicherweise war es auch Gott, der sie vor Jahren im Rahmen eines Flüchtlingsprojekts ihrer Kirche mit einer alleinerziehenden Mutter aus Eritrea zusammengeführt hatte. Denn mit dieser Bekanntschaft – und mittlerweile Freundschaft – wurde einst ihr Interesse an den Ländern Ostafrikas geweckt. Schliesslich motivierte sie Gott im vergangenen Jahr auch, eine grosse Velotour durch Österreich nach Kroatien zu unternehmen und dabei für das bedürftige Land Äthiopien zu sensibilisieren.

Dieser Artikel erschien zuerst in der «Viertelstunde für den Glauben». Das Evangelium auf ansprechende Art und Weise selbst weitergeben? Das geht mit der «Viertelstunde»! Die Verteilzeitung «Viertelstunde für den Glauben», herausgegeben von der Schweizerischen Evangelischen Allianz, kann jetzt bestellt und verteilt werden.

Zur Webseite:
Viertelstunde für den Glauben

Teile diesen Beitrag
Das könnte dich auch interessieren
Story
Anna Shammas im Klassenzimmer

Neun Jahre heimatlos

Das Magazin «Amen» hat in Form von Kurzfilmreportagen festgehalten, wie Menschen heute Jesus erleben. Heute berichtet ...

Story
 Günther Klempnauer blickt mit 90 Jahren auf ein Leben mit zahlreichen tiefen Begegnungen zurück

Günther Klempnauer – Am Frühstückstisch mit Johnny Cash

Günther Klempnauer feiert seinen 90. Geburtstag. Bekannt machten den Pastor, Lehrer und Journalisten seine Gespräche ...

Story
Marianne Awaraji Daou

«Dennoch machen wir weiter» – Mutter und Führungskraft in Kriegszeiten

Der Muttertag findet im Libanon bereits am 21. März statt, mitten in einer Zeit, in der viele Familien mit Unsicherheit ...

Story
Ariana untersützt trotz der Unsicherheit im neuen Land afghanische Flüchtlingsfrauen (Symbolbild)

Ein Zeugnis aus Afghanistan – Von der Angst in die Freiheit

Ohne es zu wissen, heiratete Ariana einen heimlichen Christen in Afghanistan. Sie mussten in ein anderes Land fliehen, ...

Story
Craig DeMartino überlebte den Sturz und kann heute wieder klettern

Nach 30-Meter-Sturz – «Gott ist nicht eine Krücke, sondern die Brücke»

Von rund dreissig Metern auf einen Felsen zu stürzen, würde für viele Menschen tödlich enden. Doch Spitzenkletterer ...

Story
Sarah Drew

Geplant waren nur zwei Folgen – Wie Dr. April Kepner Generationen ermutigt

Eigentlich sollte ihre Rolle in «Grey's Anatomy» nach zwei Folgen enden. Doch aus Dr. April Kepner wurde eine der ...

Story
Melanie Rivas

«Vollständig verwandelt» – Vom «Borderline-Satanismus» zur Gottesbegegnung

Melanie Rivas’ Freude an Jesus ist ansteckend. Noch vor einem Jahr jedoch war die 22-Jährige obdachlos, mittellos und ...

Story
Mike Flynt

College-Spieler mit 59 Jahren – Reue brachte ihn zu einem unglaublichen Comeback

Mit 59 Jahren war Mike Flynt einer der ältesten College-Spieler der Geschichte. Das Durchhaltevermögen des Sohnes eines ...

Story
Gabrielas Startbedingungen waren extrem schwierig (Symbolbild)

Trotz schlechter Startbedingungen – «Gott hat mich von meiner Angst befreit»

Als Gabriela Withs Adoptivvater sie sexuell missbraucht und die Adoptivmutter davon erfährt, versucht diese, ihn vor ...