Von Holocaust und Hoffnung – Gescheitert, erfolgreich und bis heute aktuell: Elie Wiesel

Am 30. September wäre Elie Wiesel 90 Jahre alt geworden. Der Jude und Holocaustüberlebende, Autor und Friedensnobelpreisträger, Gläubige und Ankläger Gottes, der 2016 in den USA verstarb, ist allerdings mehr als eine historische Person...

Am 30. September wäre Elie Wiesel 90 Jahre alt geworden. Der Jude und Holocaustüberlebende, Autor und Friedensnobelpreisträger, Gläubige und Ankläger Gottes, der 2016 in den USA verstarb, ist allerdings mehr als eine historische Person. Gerade in Zeiten eines auflebenden Rechtspopulismus steht Elie Wiesel für eine Erinnerungskultur, die Auswirkungen auf unsere Gegenwart hat.

«Ich gehöre zu einer Generation, die sich oft von Gott verlassen und von der Menschheit verraten fühlte. Und dennoch glaube ich, dass es unsere Aufgabe ist, uns weder von dem einen, noch von der anderen loszusagen.» Mit diesem Zitat fasst sein Biograf, Reinhold Boschki, das Leben und die Botschaft des streitbaren Autoren, Hochschullehrers und Friedensnobelpreisträgers Elie Wiesel zusammen.

Biografie

Elie Wiesel wurde 1928 in Sighetu Marmatiei, im damaligen Königreich Rumänien, geboren. Der Sohn eines aufgeklärten jüdischen Lebensmittelhändlers und einer chassidisch geprägten Mutter wurde mit 16 Jahren ins Konzentrationslager nach Auschwitz und dann nach Buchenwald deportiert. Seine Familie wurde dort von den Nationalsozialisten umgebracht. Er selbst überlebte. Nach der Befreiung durch die Alliierten studierte er zunächst in Frankreich und emigrierte später in die USA. Der Holocaustüberlebende verfasste zahlreiche Romane und Schriften zu diesem Thema. 1986 erhielt er für sein Vorbild im Kampf gegen Gewalt, Unterdrückung und Rassismus den Friedensnobelpreis. Viele weitere Auszeichnungen folgten. Wiesel arbeitete als Journalist, Professor und Autor, aber seine Vergangenheit liess ihn nie los. Sein erster Roman «Die Nacht» schliesst mit einem Blick in den Spiegel, als er er aus dem KZ befreit wurde: «Aus dem Spiegel blickte mich ein Leichnam an. Sein Blick verlässt mich nicht mehr.»

Zerrissenheit

«In dieser Zeit begann er, mit seinem Gott zu ringen und an der Menschheit zu verzweifeln. Wie Hiob schreit er seinen Ärger und seine Enttäuschung einem Gott entgegen, der sein auserwähltes Volk wie Schafe zur Schlachtbank führte. Protest, Klage und Anklage werden fortan das Markenzeichen seiner Auseinandersetzung mit der Gottesfrage, die ihn zeitlebens nicht loslassen sollte.» So charakterisiert Boschki Elie Wiesel im theologischen Feuilleton «feinschwarz».

Der bekannte Philosoph Theodor W. Adorno sagte einmal: «Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch». Aber ist es tatsächlich so, dass das Unsagbare nicht ausgedrückt werden kann? Wiesel verordnete sich selbst eine zehnjährige Zeit des Schweigens, doch danach äusserte er sich – persönlich betroffen und literarisch treffend.

Engagement

Elie Wiesel hatte seine eigene, schreckliche Vergangenheit im NS-Regime. Überall, wo er unterwegs war, thematisierte er eine Kultur der Erinnerung und gleichzeitig einen Kampf gegen Unmenschlichkeit, Rassismus und Krieg. Er engagierte sich gegen ein Vergessen des Vergangenen, und gleichzeitig prangerte er menschenverachtende Handlungen der Gegenwart an. Der israelische Philosoph Avishai Margalit nannte dies eine «Ethik der Erinnerung». So wurde Wiesel zu einer prominenten Stimme gegen Apartheid in Südafrika, Genozid in Kambodscha, Vertreibung und Ermordung der Ureinwohner Lateinamerikas, Hunger in der Sahelzone oder Antisemitismus in der Sowjetunion.

In seiner Rede 2009, als er den amerikanischen Präsidenten Barack Obama bei dessen Besuch im KZ Buchenwald begleitete, klagte Wiesel an, die Welt habe nichts aus den Schrecken von Buchenwald gelernt: «Wie kann es sonst ein Darfur, ein Ruanda und ein Bosnien geben?» Aber immer war er eine Stimme für die Menschenwürde und gegen den Hass. So auch 1990, als er in Oslo zusammen mit Nelson Mandela, Jimmy Carter, Vaclav Havel und Rita Süßmuth, Menschenrechtskämpferinnen und -kämpfern aus der Sowjetunion und China die Tagung «The Anatomy of Hate» organisierte.

Gottesfrage

Wiesel stellte in einem Interview mit dem «Spiegel» klar: «Ich selbst war sehr religiös. Wir beide, mein Vater und ich, beteten weiterhin zum Gott Israels. Aber es gab auch Zeiten, wo ich mir die Frage stellte: Wo ist Gott hier?» Diese Frage, die Frage Hiobs, durchdringt das Leben und Schaffen Elie Wiesels. Er protestiert gegen Menschen und Gott, klagt den Allmächtigen an und kommt doch nie los von dem Gott seiner Väter.

Trotzdem …

Jeder könnte es verstehen, dass ein Mensch wie Elie Wiesel zum Fazit kommt, dass Gott nicht da ist. Doch genau dies ist nicht der Fall. Über allen Fragen und Anklagen steht bei ihm das trotzige «Dennoch».

Und genau dieses «Dennoch» ist so etwas wie Wiesels Vermächtnis. In einer Zeit, wo Holocaustleugnung vielen wieder opportun erscheint, könnte man denken, dass Erinnerungskultur nur ein Akt der Vergangenheitsbewältigung ist. Nichts könnte weiter von der Realität entfernt sein. «Es ist wahr, wir haben keine Macht gegen den Tod; aber so lange wir einem Mann, einer Frau, einem Kind helfen, eine Stunde länger in Sicherheit und Würde zu leben, bestärken wir das menschliche Recht auf Leben» (Elie Wiesel: Noah oder Ein neuer Anfang).

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