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Ian Charleson als Eric Liddell in «Die Stunde des Siegers»

Fehlstart? – Eric Liddell – mehr als ein Medaillengewinner

Wenn der langsam treibende Rhythmus von «Chariots of Fire» erklingt, dann haben alle, die den Film einmal gesehen haben, die Zeitlupenaufnahmen von Eric Liddell vor Augen.

Wenn der langsam treibende Rhythmus von «Chariots of Fire» (dt. «Die Stunde des Siegers») erklingt, dann haben alle, die den Film einmal gesehen haben, die Zeitlupenaufnahmen von Eric Liddell vor Augen.

Zuerst trainiert er am Strand, dann rennt er durch den Hof seiner Universität und schliesslich gewinnt er in Paris olympisches Gold. Aber wer war Eric Liddell eigentlich? Und was tat er nach seinem Goldlauf?

«Ich glaube, dass Gott mich zu einem bestimmten Zweck geschaffen hat. Aber er hat mich auch schnell gemacht…» Das schrieb Eric Liddel (1902–45) in einem Brief an seine Schwester. Liddell kam als Kind protestantischer Missionare in China zur Welt. Und die Spannung, ob er einer geistlichen Berufung folgen oder «nur» Sport treiben sollte, begleitete ihn lange.

Aufs Gewinnen ausgerichtet

Mit sechs Jahren besuchte Eric Liddell ein Internat für Missionarskinder in London. Später ging er nach Edinburgh, wo er Wissenschaftstheorie studierte. Nebenbei spielte er Cricket und Rugby und engagierte sich in der Leichtathletik. Bald galt er als schnellster Läufer Schottlands, als «Flying Scotsman». Den Spitznamen «fliegender Schotte» teilte er mit einer berühmten Dampflokomotive, die zahlreiche Geschwindigkeitsrekorde aufstellte.

Als seine Familie und Gemeindemitglieder den gläubigen Christen für sein scheinbar weltliches Erfolgsdenken kritisierten, entgegnete er ihnen: «Gott hat mich schnell gemacht, und ich spüre seine Freude daran, wenn ich laufe. Zu siegen heisst, ihn zu ehren.» Gegen Ende seines Studiums wurde Liddell britischer Meister über 100 Yards (91,44 Meter) – seine Zeit von 9,7 Sekunden wurde 35 Jahre lang nicht unterboten. Damit qualifizierte er sich für die Teilnahme an den Olympischen Spielen 1924 in Paris. Trotz seiner Fokussierung auf den Sieg war sichtbarer Erfolg nie alles in seinem Leben, was Wolfgang Limmer einmal im SPIEGEL von einer «Welt voller Edelmut und Ritterlichkeit» schreiben liess, von «Athleten, die ihr Ego noch nicht am Bankschalter deponiert haben».

Die Stunde des Siegers

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Eric Liddell

Als Konkurrenten und Freunde fuhren der Christ Eric Liddell und der Jude Harold Abrahams mit anderen britischen Sportlern nach Paris, um ihr Land bei der Olympiade zu vertreten. Als Liddell jedoch erfuhr, dass die Vorläufe zum 100-Meter-Lauf an einem Sonntag stattfinden sollten, zog er zurück. Das war mit seinem Glaubensverständnis nicht vereinbar. Abrahams startete und gewann Gold. Liddell erhielt die Möglichkeit, über 400 Meter anzutreten – einer Entfernung, die er noch nie im Wettkampf gelaufen war. Überraschend gewann er und wurde vom kritisierten «Mann, der sonntags nicht läuft» zum Nationalhelden.

Diesen Abschnitt von Liddells Leben beschrieb Hugh Hudson in seinem Film «Die Stunde des Siegers» von 1981. Der immer noch sehenswerte Film erhielt vier Oscars in den Kategorien Bester Film, Bestes Drehbuch, Kostüme und – natürlich – Beste Filmmusik. Der Titel «Chariots of Fire» gehört zu den erfolgreichsten des Komponisten Vangelis. Doch was geschah danach mit Eric Liddell?

Alles verloren oder doch gewonnen?

Er schloss sein Studium ab und kehrte 1925 nach China zurück, um im nordchinesischen Tianjin wie seine Eltern als Missionar zu arbeiten. 1934 heiratete er die kanadische Missionarin Florence Mackenzie. Die beiden hatten drei Töchter. Während sein ehemaliger Freund Harold Abrahams als Sportjournalist erfolgreich und bekannt blieb, verschwand Liddell quasi von der Bildfläche.

Einige Jahre später kam es zu kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen China und Japan, die über den Japanisch-Chinesischen Krieg schliesslich im Zweiten Weltkrieg mündeten. Nach Warnungen der britischen Regierung schickte Liddell seine Familie nach Kanada, er selbst wollte zunächst bleiben. 1943 wurde er als Ausländer von den Japanern verhaftet und in einem Konzentrationslager interniert. Dort arbeitete er als Lehrer und Pastor für die Insassen – und er spielte Basketball, Tischtennis und Hockey mit den Kindern. Eines von ihnen – die damals 13-jährige Margaret Holders– erinnerte sich später an «Onkel Eric», der sich zunächst weigerte, am Sonntag als Schiedsrichter für sie da zu sein, getreu seiner Prinzipien. Doch als er die Situation der Kinder sah, sprang er über seinen Schatten. Hier ging es nicht um seinen persönlichen Erfolg, sondern um das Wohl der inhaftierten Kinder.

Weil Liddell eine Berühmtheit war, versuchte Winston Churchill, seine Freilassung zu erreichen, doch der Missionar liess eine schwangere Frau an seiner Stelle in die Freiheit ziehen. Seine eigene Familie sah er nie wieder. Als Liddell eine Weile später einen Brief an seine Frau geschrieben hatte, sagte er noch zu einem Freund: «Ich gebe mich ganz hin!» Kurz darauf fiel er ins Koma und starb am 21. Februar 1945 an einem Hirntumor. «Die Stunde des Siegers» endet mit der Einblendung: «Eric Liddell starb als Missionar am Ende des Zweiten Weltkriegs im besetzten China. Ganz Schottland trauerte.» Und gleichzeitig unterstreicht Margaret Holders, dass sich der Himmel freute. Hier war ein Mensch am Ziel angekommen.

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