Pixabay / Luaks Johnns
An der Front in der Ukraine

Warum Satan die Bibel liest – Eine Geschichte von der ukrainischen Front

Von «Satan» zu «Moses»: Ein Soldat, der alles verloren hat, findet im düsteren Kriegsgebiet Halt – und einen neuen Namen. Zwischen Munitionskisten und nasser Kleidung bringt eine Bibel Soldaten an der Front zusammen – und verändert Leben.

«An diesem Morgen hielten wir auf dem Weg zu den Schusspositionen bei einigen versteckten alten Gebäuden, in denen unsere Soldaten – unsere Verteidiger – eine Pause einlegten», beginnt der Bericht der «Ukrainischen Bibelgesellschaft».

Entlang der Frontlinie erstrecke sich die Tragödie des Krieges, so weit das Auge reicht. «Der Boden unter uns bebte von den Explosionen. Der Wind trug Rauch und Schwefel mit sich, ein bitterer Geschmack, der sich wie Sandpapier auf die Zähne legte.»

Ein dunkler Raum

Ein dunkler Raum wurde betreten, so die Ukrainische Bibelgesellschaft weiter. «Als sich unsere Augen an das schummrige Licht gewöhnt hatten, bemerkten wir einen kleinen Ofen in der Mitte. Seine Wärme durchdrang die eisige Kälte und spendete den frierenden Soldaten etwas Trost. Um den Ofen herum konnten wir die Umrisse vieler Soldaten erkennen, die auf Munitionskisten und Holzverschlägen lagen. Über ihnen hingen nasse Kleidungsstücke an Schnürsenkeln, die an der Decke befestigt waren und wie ein Spinnennetz wirkten.»

Das Gespräch begann. «Unter ihnen war ein etwa 60-jähriger Mann. Sein Gesicht war von den Strapazen des Krieges gezeichnet. Als Bischof Valeriy Antonyuk im Gespräch den Satan erwähnte, brachen alle in Gelächter aus. Zuerst konnten wir nicht verstehen, warum. Später erklärte uns der Kommandeur, dass der Soldat, der neben uns stand, den Spitznamen ‘Satan’ trug.»

«Warum der Krieg?»

Ukrainische Bibelgesellschaft
Militärseelsorger in der Ukraine

Der Verteidiger, der sich als «Satan» vorstellte, «verwandelte unser Gespräch mit seinen klugen Fragen und Kommentaren in eine anregende Diskussion. Zunächst bezeichnete er sich als Agnostiker, dann lobte er den Buddhismus als die beste Religion und behauptete, Satan zwinge niemanden, Böses zu tun. Stattdessen, so argumentierte er, lässt Satan den Menschen immer die Wahl.»

Satan sei ein Sohn Gottes, der nur seinem Vater nicht gehorcht habe. Satan habe nie gelogen und täusche die Menschen auch heute nicht. Er forderte uns heraus, Gott zu fragen: «Warum Krieg? Warum das Blutvergiessen? Warum sterben Kinder? Pater Vasyl griff zur Bibel und las die Geschichte vor, wie Eva und Adam getäuscht wurden – der Beginn der Lüge. Die anschliessende Diskussion war lebhaft und tiefgründig, wir tauchten ein in existenzielle Fragen.»

Die Geschichte hinter «Satan»

«Satan» erzählte ihnen dann die Geschichte hinter seinem Spitznamen. Er stamme aus Luhansk, das heute von Russland besetzt ist. Seine Eltern hätten als Separatisten die Besatzer unterstützt. Er habe sich seinem Vater widersetzt, musste fliehen und habe seitdem keinen Kontakt mehr zu seinen Eltern. Jedes seiner Worte war von tiefem Schmerz durchdrungen.

Der Seelsorger berichtet weiter: «Ich las einen Abschnitt in der Bibel aus Psalm Kapitel 119, die Verse 84 bis 94. Eine schwere Stille erfüllte den Raum. Am Ende unseres Treffens schlugen wir vor, gemeinsam zu beten. Das Gebet war angesichts der intensiven Atmosphäre sehr ergreifend. Hier standen wir, in einem dunklen Raum, und sprachen über Satan, während draussen Bomben explodierten.»

«Kann ich eine Bibel bekommen?»

Dann fragte der Soldat, ob er jeden von uns umarmen dürfe. Der Krieg hatte ihm seine Eltern und seine Heimatstadt genommen. Der Schmerz war kaum zu ertragen.

«Als wir uns verabschiedeten, erzählte uns ein anderer Soldat seine Geschichte. Auch er stammte aus Luhansk. Seine Eltern hatten die Ukraine unterstützt und dafür mit ihrem Leben bezahlt. Sie starben während der Kämpfe, als der Feind die Region Luhansk einnahm.»

«Satan» wird «Moses»

Leise fragte er: «Ich habe nicht den Rufnamen Satan, aber könnte ich auch eine Bibel bekommen?» Er fügte hinzu: «Ich hatte noch nie eine eigene, aber meine Mutter hat mir daraus vorgelesen, als ich ein Kind war.» Sein Name sei Ilya, und er ist 52 Jahre alt.

Auf dem Rückweg zu unserem Fahrzeug drehte sich Bischof Valeriy Antonyuk zu «Satan» um, der uns verabschiedete und die Bibel fest in den Händen hielt. «Wir geben dir einen neuen Rufnamen», sagte der Bischof. «Moses.»

Teile diesen Beitrag
Das könnte dich auch interessieren
Story
Anna Shammas im Klassenzimmer

Neun Jahre heimatlos

Das Magazin «Amen» hat in Form von Kurzfilmreportagen festgehalten, wie Menschen heute Jesus erleben. Heute berichtet ...

Story
 Günther Klempnauer blickt mit 90 Jahren auf ein Leben mit zahlreichen tiefen Begegnungen zurück

Günther Klempnauer – Am Frühstückstisch mit Johnny Cash

Günther Klempnauer feiert seinen 90. Geburtstag. Bekannt machten den Pastor, Lehrer und Journalisten seine Gespräche ...

Story
Marianne Awaraji Daou

«Dennoch machen wir weiter» – Mutter und Führungskraft in Kriegszeiten

Der Muttertag findet im Libanon bereits am 21. März statt, mitten in einer Zeit, in der viele Familien mit Unsicherheit ...

Story
Ariana untersützt trotz der Unsicherheit im neuen Land afghanische Flüchtlingsfrauen (Symbolbild)

Ein Zeugnis aus Afghanistan – Von der Angst in die Freiheit

Ohne es zu wissen, heiratete Ariana einen heimlichen Christen in Afghanistan. Sie mussten in ein anderes Land fliehen, ...

Story
Craig DeMartino überlebte den Sturz und kann heute wieder klettern

Nach 30-Meter-Sturz – «Gott ist nicht eine Krücke, sondern die Brücke»

Von rund dreissig Metern auf einen Felsen zu stürzen, würde für viele Menschen tödlich enden. Doch Spitzenkletterer ...

Story
Sarah Drew

Geplant waren nur zwei Folgen – Wie Dr. April Kepner Generationen ermutigt

Eigentlich sollte ihre Rolle in «Grey's Anatomy» nach zwei Folgen enden. Doch aus Dr. April Kepner wurde eine der ...

Story
Melanie Rivas

«Vollständig verwandelt» – Vom «Borderline-Satanismus» zur Gottesbegegnung

Melanie Rivas’ Freude an Jesus ist ansteckend. Noch vor einem Jahr jedoch war die 22-Jährige obdachlos, mittellos und ...

Story
Mike Flynt

College-Spieler mit 59 Jahren – Reue brachte ihn zu einem unglaublichen Comeback

Mit 59 Jahren war Mike Flynt einer der ältesten College-Spieler der Geschichte. Das Durchhaltevermögen des Sohnes eines ...

Story
Gabrielas Startbedingungen waren extrem schwierig (Symbolbild)

Trotz schlechter Startbedingungen – «Gott hat mich von meiner Angst befreit»

Als Gabriela Withs Adoptivvater sie sexuell missbraucht und die Adoptivmutter davon erfährt, versucht diese, ihn vor ...