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André Trocmé

André Trocmés Einfluss – Ein ganzes Dorf rettet Juden vor dem Holocaust

Am 5. Juni vor 50 Jahren starb André Trocmé. Im Zweiten Weltkrieg war er Landpfarrer in einem Dorf der Haute-Loire in Südostfrankreich. Als die Juden aus der Umgebung verfolgt wurden, bat er seine Gemeinde um Hilfe.

Am 5. Juni vor 50 Jahren starb André Trocmé. Im Zweiten Weltkrieg war er Landpfarrer in einem Dorf der Haute-Loire in Südostfrankreich. Als die Juden aus der Umgebung verfolgt wurden, bat er seine Gemeinde um Hilfe. Und die liess sich gewinnen und versteckte Tausende von ihnen vor dem sicheren Tod.

André Trocmé kam eigentlich nur durch «Zufall» an seine Pfarrstelle im abgelegenen Dorf Le Chambon-sur-Lignon. Der reformierte Theologe war erklärter Pazifist. Damit war er in der damaligen Kirche in Frankreich für eine Arbeit im Licht der Öffentlichkeit disqualifiziert. Seine Frau Magda und er wurden deshalb aufs Land geschickt.

Dies sollte sich als seltener Glücksfall herausstellen, denn viele seiner dortigen Gemeindeglieder stammten von den Hugenotten ab und waren selbstbewusste Christen, die gegen alle Widerstände an ihrem Glauben und ihren Überzeugungen festhielten. Als Frankreich von Hitlers Wehrmacht besetzt wurde und im Waffenstillstand von Compiègne 1940 praktisch kapitulierte, predigte Trocmé: «Die Aufgabe des Christen ist es, sich der Gewalt mit den Waffen des Geistes entgegenzustellen.»

Die «Judenfrage»

Bald nach der deutschen Besatzung erkannte Trocmé die Not der Juden und bat seine Gemeinde dringend, sich um das «Volk der Bibel» zu kümmern. Er selbst traf sich auch mit anderen Friedensaktivisten. Sein Plan: den internierten Juden beizustehen. Doch bald merkte er, dass er wesentlich mehr tun konnte. Seine Gemeinde lag abgelegen auf einem Hochplateau des Zentralmassivs zwischen Rhône und Loire. Hier konnte man jüdische Kinder verstecken, deren Eltern interniert wurden, hier konnten ganze Familien unterkommen.

Es bereitete Trocmé zwar einige Gewissensnot, dass er als Christ dazu lügen musste – doch er tat es. Und er bat seine Gemeinde, mitzuhelfen. Bald schon kamen jüdische Kinder aufs Land. Durch gefälschte Pässe wurden sie zu nichtjüdischen Kindern, die sich zur Kur auf dem Land aufhielten. Diese Kinder und später auch Erwachsene wurden zunächst in Hotels und Pensionen untergebracht, bevor sie entweder in die Schweiz weitergeschickt oder im Pfarrhaus, in Werkstätten oder auf Höfen in der Umgebung versteckt wurden. Etliche wurden sogar unter falschen Namen polizeilich angemeldet, damit sie Lebensmittelkarten erhielten.

Magda und André Trocmé waren Schlüsselpersonen in diesen Aktionen, doch die Fäden liefen nicht nur im Pfarrhaus zusammen: Die hugenottisch geprägte Gemeinde stand zusammen. Inklusive Polizei. Sie hatten ihre eigene Verfolgungsgeschichte und waren vor den katholischen Königen in die Einsamkeit geflohen. Im Ersten Weltkrieg fanden elsässische Flüchtlinge hier Hilfe, später Soldaten aus dem spanischen Bürgerkrieg und jetzt waren es die Juden.

«Ich kenne nur Menschen»

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Magda und André Trocmé

Eine Rettungsaktion dieses Ausmasses konnte nicht unbemerkt bleiben. So stand Trocmé immer wieder unter Beobachtung. Doch er liess sich nicht stören. Seine Kirchenleitung und die Behörden zitierten ihn und forderten ihn auf, sich unterzuordnen, den Juden nicht länger zu helfen und sie stattdessen zu melden. Trocmé reagierte eindeutig: «Diese Menschen sind hier hergekommen, um Hilfe und Zuflucht zu finden. Ich bin ihr Hirte. Ein Hirte lässt seine Herde nicht im Stich… Ich weiss nicht, was ein Jude ist. Ich kenne nur Menschen.»

Etwas später kam das Gerücht auf, Trocmé sollte verhaftet werden, doch extra angereiste Gendarmen aus der Umgebung konnten diese Anweisung zunächst nicht umsetzen. Als der streitbare Pfarrer dann schliesslich in Gewahrsam genommen wurde, setzte man ihn zwar unter Druck, konnte ihm aber nichts nachweisen. So kam er wieder auf freien Fuss. Er selbst ging zwar sicherheitshalber in den Untergrund, doch seine Gemeinde machte weiter wie vorher.

Ein Gerechter unter den Völkern

Im Laufe der Kriegsjahre kamen etwa 5'000 Menschen in Le Chambon unter und wurden von den nicht einmal 9'000 Einwohnern versteckt, weitergeleitet und gerettet. Am 5. Januar 1971, ein halbes Jahr vor seinem Tod, wurden André und Magda Trocmé mit 32 Bürgern ihres Dorfes in Yad Vashem als «Gerechte unter den Völkern» geehrt. 1998 erhielt das gesamte Dorf diese Auszeichnung. Auch nach dem Dritten Reich setzte sich Trocmé weiter für den Frieden ein. Er wurde Sekretär des Internationalen Versöhnungsbundes und arbeitete als Mitglied der Christlichen Friedenskonferenz (CFK) über Ländergrenzen hinweg. Ausserdem schrieb er Kinderbücher über seine friedenspolitischen Einsichten.

André Trocmé, der französische Pfarrer, Widerstandskämpfer und Judenretter, ist heute kaum noch jemandem bekannt. Ermutiger zu einem Leben mit Rückgrat ist er trotzdem. Seine Geschichte steht unter anderem im folgenden Buch:
Hanna Schott. Von Liebe und Widerstand. Magda & André Trocmé: Der Mut dieses Paares rettete Tausende. Neufeld Verlag, Cuxhaven, 4. Auflage 2018. ISBN 978-3-86256-017-2

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