Widerstand im Dritten Reich – Diet Eman – die unbekannte Heldin

Immer wieder wird bei bekannten und weniger bekannten Personen eine dunkle NS-Vergangenheit festgestellt. Doch genauso oft tauchen bislang unbekannte Frauen und Männer auf, die sich durch Widerstand gegen die Nationalsozialisten auszeichneten.

Immer wieder wird bei bekannten und weniger bekannten Personen eine dunkle NS-Vergangenheit festgestellt. Doch genauso oft tauchen bislang unbekannte Frauen und Männer auf, die sich durch Widerstand gegen die Nationalsozialisten auszeichneten.

Diet Eman war frisch verliebt, als Adolf Hitler im Mai 1940 sein Wort brach und die Niederlande nicht länger als neutral betrachtete, sondern besetzen liess. Zusammen mit ihrem Verlobten Hein Sietsma ging sie in den Untergrund. Die beiden arbeiteten gemeinsam, wurden getrennt, verhaftet, stahlen Lebensmittelkarten, fälschten Ausweise, versteckten sich und halfen mit, über 60 Juden zu retten. Diet erzählt ihre bewegende Lebensgeschichte in dem bisher nur auf Englisch erhältlichen Buch «Things We Couldn’t Say» (Was wir nicht sagen konnten).

Der Weg in den Widerstand

Alles begann mit dem Gefühl der Ohnmacht und des Zorns, als die nationalsozialistischen Truppen das kleine Holland überrannten und auch hier begannen, die Juden zu deportieren. Als Heins jüdischer Freund Hermann eine Vorladung erhielt, forderte Hein ihn auf, nicht zu gehen. Er kannte gläubige Bauern im unübersichtlichen Waldgebiet «Veluwe» und versteckte den Freund bei ihnen. Er rechnete mit dem baldigen Eintreffen der Alliierten. Doch was kam, waren noch mehr Flüchtlinge: Ada, die Verlobte seines Freundes, dann ihre Mutter, seine Schwester … und innerhalb von drei Wochen kümmerten seine Verlobte und er sich um über 60 versteckte Juden.
Weil ein Bekannter unter der Folter Diets Telefonnummer verriet, wurde das Haus ihrer Eltern jahrelang von der Gestapo überwacht. Sie konnte nicht zurück, ohne ihre Familie in grosse Gefahr zu bringen. Also ging sie ganz in den Untergrund. Meist lebten Hein und Diet dabei getrennt, um sich nicht gegenseitig zu gefährden.

Bewahrt und trotzdem verhaftet

Einmal fuhr Diet Eman im Zug, als dieser von der deutschen Polizei kontrolliert wurde. Sie zeigte ihre falschen Papiere vor und merkte sofort, dass etwas nicht stimmen konnte. «Wann haben Sie diese Papiere bekommen? Wer sind Sie wirklich?» Diet reiste als Willie Laarman aus Surinam. Und sie stellte sich dumm, tat so, als spräche sie kein Wort deutsch. Ihr eines Problem war die schwarze Farbe des Stempels «Niederländer» auf den Papieren. Zu dem Zeitpunkt, als sie kontrolliert wurde, gab es keine dunkellila Stempelfarbe mehr. Papiere wurden jetzt schwarz gekennzeichnet. Doch Diets Ausweis war angeblich älter – und trotzdem war er schwarz abgestempelt. Diesen Fehler entdeckten die Geheimpolizisten natürlich sofort. Diets grösseres Problem waren allerdings weitere falsche Papiere, die sie auch noch bei sich trug. Wie sollte sie die unbemerkt loswerden? Sechs Polizisten bewachten sie und Diet bat Gott um ein paar Sekunden Ablenkung. Die bekam sie, als die Polizisten sich über die damals neuartige Regenkleidung aus Kunststoff unterhielten, die einer von ihnen trug. Plötzlich wollte jeder die Regenjacke anprobieren. Im folgenden Durcheinander warf Diet ihren falschen Ausweis einfach weg.

«Ich bin bei dir …»

Trotzdem wurde sie erst einmal verhaftet. Im Gestapo-Hauptquartier in Scheveningen ritzte sie Bibelverse in die Zellenwand, um sich daran zu erinnern, dass Gott bei ihr war: «Siehe, ich bin bei dir alle Tage bis ans Ende der Welt …» Das tröstete sie. Die Nazis versuchten, sie durch Spitzel auszuhorchen, doch Diet war zu intelligent und verriet nichts. Sie wurde ins gleiche Konzentrationslager wie Corrie ten Boom gebracht. Als sie endlich vor Gericht gestellt wurde, erinnerte sie sich an die alttestamentliche Geschichte von Rahab und dachte sich ebenfalls etwas aus. Eine Freundin schrieb ihr: «Ich bestürme den Himmel für dich!» Diet erklärt in ihrem Buch, dass es sie sehr erleichterte, dass die Freundin nicht einfach nur gebetet hat. Hungrig und ungewaschen stand sie schliesslich vor sieben arroganten NS-Offizieren. Doch Diet blieb bei ihrer Geschichte und stellte sich weiterhin dumm. Sie war angeblich Willie aus Surinam und behauptete, die Papiere von einem hübschen blonden und blauäugigen Mann bekommen zu haben. Sie erklärte sogar, nicht gewusst zu haben, dass man Papiere fälschen kann. Das Wunder geschah: Die Nazis glaubten ihre Geschichte und liessen sie frei.

Freud und Leid

Doch Diets Geschichte hat nur teilweise ein Happy End. Sie konnte sich in Freiheit zwar noch eine ganze Weile unter dem Pseudonym Willie für die versteckten Juden einsetzen, doch ihren Verlobten Hein sah sie nie wieder. Als die Kanadier ein Jahr später, am 5. Mai 1945, die Niederlande befreiten, erfuhr sie, dass ihr Verlobter in einem Viehwaggon verhungern musste. Diet war zornig auf Gott. Sie dachte an ihre eigene Rettung. Und sie hielt Gott vor, dass fast jede Todesart für Hein gnädiger gewesen wäre. Doch sie hörte von vielen Menschen, dass Hein für sie «ein Licht in der Dunkelheit» gewesen war. Er war anders, als sie sich Christen vorgestellt hatten, nicht gesetzlich und langweilig, sondern hilfsbereit, ermutigend und ein guter Freund. Etliche hatte er gerettet und durch seine Art überzeugt, mit Jesus zu leben. Der Höhepunkt für Diet war ein Brief an sie, den Hein kurz vor seinem Tod im Viehwaggon auf Toilettenpapier geschrieben hatte. Darin schrieb er: «Wieder einmal entscheiden wir nicht selbst über unser Leben. Selbst, wenn wir uns auf der Erde nicht mehr wiedersehen, wird uns das, was wir getan haben und wofür wir stehen, nie leidtun. Ich weiss, Diet, dass ich dich von allen Menschen auf der Welt am meisten liebe. Und immer noch sehne ich mich danach, dass wir einmal eine glückliche Familie sein werden …»

Diet Eman lebt noch. Sie wohnt in Grand Rapids in den USA. Die alte Frau will keine Heldin sein. Wenn sie jemand so bezeichnet, dann schüttelt sie den Kopf und meint nur: «Was ich getan habe, hätte jeder gemacht. Wenn du als Christ an meiner Stelle gewesen wärst, hättest du dasselbe getan …»

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