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Christoph Silber

Christoph Silber – Die Wolke unterm Dach

Bekannt wurde Christoph Silber durch Drehbücher für Filme wie «Goodbye Lenin» und «Ich bin dann mal weg». Seinen Glauben liess er zum Teil in seine Werke einfliessen. Nun erzählt er in einem Kinderbuch, wie er den Tod seiner ersten Frau verarbeitet.

Filme wie «Goodbye Lenin» und «Hanni & Nanni» sind vielen ein Begriff. Drehbücher wie diese sowie für viele «Tatort»-Folgen stammen aus der Feder von Christoph Silber. Für «Nordwand» gewann er den Preis der Deutschen Filmkritik für das Beste Drehbuch, 2009 erhielt er für einen «Tatort» den Adolf-Grimme-Publikumspreis, 2013 einen International Emmy.

Silber wurde in Ost-Berlin geboren, seine Mutter ist die deutsche Literaturübersetzerin Christa Schuenke, sein Ziehvater ist der in England aufgewachsene Shakespeare-Übersetzer und Theaterdramaturg Maik Hamburger. Mit dem christlichen Glauben kam er in dieser Umgebung gar nicht in Kontakt. Sein Stiefvater sei zwar jüdisch, aber nicht gläubig.

«Aber schon als Kind suchte ich nach Antworten, als mir bewusst wurde, dass mein geliebter Grossvater einmal sterben würde. Und alle Erklärungen der marxistisch-leninistischen Philosophie reichten mir einfach nicht. Dieser Gott, den ich damals kontaktiert habe, hatte sich bei mir gemeldet», sagt Silber. Erst viele Jahre später im Erwachsenenalter sollte dieser kindliche Glauben eine etwas stabilere Basis bekommen.

Immer wieder Projekte mit Glaubensinhalten

Silber zog 2008 in die USA und wirkte dort als Drehbuchautor. In New York lernte er seine Frau kennen: die Schauspielerin Joleita Reed. Mit ihr bekam er zwei Kinder, Samuel und Sarah. «Interessanterweise wurden immer wieder Projekte an mich herangetragen, die tiefere Inhalte und teilweise auch den Glauben beinhaltet haben, ohne dass die Menschen von meinem Hintergrund wussten», sagt der Autor. «Das hat wohl mehr etwas mit dem zu tun, wie ich kommuniziere und lebe, als damit, dass ich explizit sage: Ich bin ein gläubiger Mensch. Viele sagen mir: Über dich wird in der Branche so gut gesprochen, du bist so ein positiver und anständiger Mensch.»

So ähnlich war es auch, als er gefragt wurde, das Drehbuch für die Verfilmung des Bestsellers «Ich bin dann mal weg» von Hape Kerkeling zu schreiben. Darin ist der Entertainer auf dem Pilgerweg nach Santiago de Compostela und durchaus auf einer religiösen Suche. «Mir ist klar, dass viele Menschen beim Thema Kirche oder Glaube Zahnschmerzen bekommen. Daher war es das Ziel, den Glauben so nachvollziehbar wie möglich zu zeigen.» Silber kam unter anderem auf die Idee, Kerkeling sich selbst als Kind begegnen zu lassen, und diese Begegnung ist im Film zugleich eine Art von göttlicher Begegnung.

Glaube ist für ihn ein privates Thema

Im Liebesfilm «Nie mehr ohne Dich» von 2011 erzählte Silber ein Stück seines eigenen Lebens nach, nämlich wie er seine spätere Ehefrau in New York getroffen hatte. Im Film ist es der deutsche Manager Niklas (Ken Duken), der in New York auf die schwarze Sängerin Leticia (Nicole Beharie) trifft. Leticia ist eine Christin aus Brooklyn, die Tochter eines Pastors, die sich sehr in der Kirche engagiert. Auch im echten Leben bekam Silber von seiner Ehefrau viel vom christlichen Glauben mit, der ihn bis heute sehr prägt.

Diesen Glauben genau zu definieren, davor schreckt Silber aber ein wenig zurück, auch weil es ein sehr privates Thema für ihn ist. Eines stehe aber fest: «Für den Glauben an Gott gilt das gleiche wie für die Liebe: Wenn man darin keine Grundsicherheit für sein Leben findet, macht er keinen Sinn, dann ist er nur eine Formel. Diese Grundsicherheit im Glauben habe ich.» Die Bibel sei dabei durchaus eine wichtige Quelle, vor allem «mit der Hilfe des Geistes» ziehe er daraus viel Kraft für sein Leben. Menschen, die aber ausser der Bibel kein Buch zu Hause haben und alles nur mit ihr erklären wollen, sind ihm suspekt.

Genauso mache es keinen Sinn, zwischen einem christlichen Filmemacher und einem nichtchristlichen Filmemacher zu unterscheiden. «Steven Spielberg, den ich in Los Angeles einmal kennen lernen durfte, der regelmässig in die jüdische Synagoge geht, würde man auch nicht als jüdischen Filmemacher bezeichnen», sagt Silber. «Und dennoch sind seine Filme zutiefst geprägt von seinem jüdischen Glauben.»

«Kinder gehen ganz anders mit dem Tod um»

Es gebe in Amerika ja einen eigenen Geschäftsbereich, der explizit christliche Filme auf den Markt bringe. Diese Herangehensweise sieht der Autor kritisch. «Wenn man von vornherein eine Botschaft in den Mittelpunkt eines kreativen Werkes stellt, hört es schnell auf, Kunst zu sein. Dann ist man automatisch von der Botschaft getrieben und hat nicht mehr die Freiheit, die Kunst benötigt.» Am besten sei es doch, wenn sich die eigenen Werte automatisch im Werk zeigen.

Im November 2013 verstarb seine erste Ehefrau an einer Krebserkrankung. Den Umgang mit der Trauer erzählt Silber in seinem neuen Kinderbuch «Die Wolke unterm Dach» nach. Seine Tochter sei damals vier Jahre alt gewesen. «Als Vater seinem Kind den Tod der Mutter vermitteln zu müssen, ist einerseits das Schlimmste, was man erleben kann. Andererseits war es auch ein Geschenk, dass ich es sein durfte, als letzte verbliebene Konstante im Leben meines Kindes.» Ein Kind gehe ganz anders mit dem Tod um, so Silber, nämlich kreativ und imaginativ. Silber liess sich beraten von einer Seelsorgerin und einem befreundeten Pastor. Was dann zwischen ihm und seiner Tochter geschah, gebe sein Buch ziemlich genau wieder, sagt der Autor.

Im Buch ist es die kleine Lilly, die ihren Vater fragt, wo Mama nun sei. Und auf die Antwort: «Im Himmel» erdenkt sie sich das Bild einer Wolke, auf der die Mutter nun wohnt. Am Geburtstag ihrer Mutter kommt Lilly auf die Idee, dass man Mama doch einmal besuchen könnte. Und sie malt sich verschiedene Möglichkeiten aus, wie das gehen könnte: die längste Feuerwehrleiter der Welt besorgen zum Beispiel, oder mit einem Flugzeug hinfliegen.

Die Berliner Illustratorin Annabelle von Sperber erschuf die wunderschönen bunten Bilder zur Geschichte, in der das kleine Mädchen nach und nach versteht, dass seine Mama wohl nie mehr wiederkommen wird. Am Ende ist es eine besondere Erkenntnis, die Vater und Tochter eine entscheidende Hilfe ist: «Trauern ist, wenn man jemanden loslässt, damit er für immer da sein kann.»

Buch als Hilfe für Eltern und Lehrer

Loslassen heisse nicht, den Verstorbenen zu vergessen. Im Gegenteil. Silber zieht einen Vergleich: «Wenn unsere Seele ein Haus wäre, dann sässen unsere geliebten Mitmenschen mit im Wohnzimmer. Wenn jemand stirbt, kann dieser Mensch nicht mehr mit im Wohnzimmer sitzen, sonst würden wir ja permanent an ihn erinnert werden und immer weiter um ihn trauern. Stattdessen kann ich den Menschen ja an die Hand nehmen, ihn in ein oberes Stockwerk begleiten und zu ihm sagen: Hier kann ich dich ab und zu besuchen! Und die Erinnerungen bringt man nach und nach auf den Dachboden.»

Der Glaube war für ihn in jener Zeit eine «gigantisch grosse» Hilfe, sagt Silber. Denn für ihn sei immer klar gewesen, dass seine geliebte Ehefrau nicht einfach im Nichts verschwunden war. «Ich glaube an eine persönliche Seele, und die ist nach dem Tod nicht einfach weg.» Das Buch könne eine Hilfe für Eltern oder auch Lehrer sein, ohne Angst mit Kindern über den Tod eines nahestehenden Menschen zu sprechen. «Ich habe damals fast kein gutes Buch auf diesem Gebiet gefunden», sagt Silber. Seine Geschichte ist mittlerweile auch verfilmt worden, doch der Film sei sehr weit entfernt von dem, was er in seinem Kinderbuch habe vermitteln wollen und nicht wirklich kindgerecht, sagt Silber.

Inzwischen ist Silber wieder verheiratet mit der amerikanischen Schauspielerin Tracey Graves. Doch auch heute noch, neun Jahre nach dem Tod von Joleita, entsenden Vater Chris, Tochter Sarah und Sohn Samuel zu ihrem Geburtstag jeweils einen Brief an die Mama an einem Luftballon in den Himmel. Denn sie ist ja nicht wirklich weg, sondern nur im Himmel.

Dieser Artikel erschien zuerst auf PRO Medienmagazin

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